Berliner Derbys : Volksfest ohne Verlierer

Beim Spiel zwischen Hertha und Türkiyemspor verabschiedet sich Berlin 1987 vom Poststadion.

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Auf dieses Spiel freuen sich die Berliner Fußballfans seit Wochen: Am Freitag empfängt der 1. FC Union in seinem Stadion an der Alten Försterei Hertha BSC zum Duell in der Zweiten Liga. Bis dahin erinnern wir jeden Tag an ein historisches Berliner Derby. Heute: Hertha BSC gegen Türkiyemspor am 4. Oktober 1987.

Als Suat Kaygan an diesem Sonntagmorgen aufwacht, ist er angespannter als sonst. Am Nachmittag trifft Kaygans Verein Türkiyemspor auf Hertha BSC. Es ist das erste Mal, dass sich der Traditionsklub aus Charlottenburg und der Kreuzberger Migrantenklub in einem Punktspiel der Berliner Oberliga gegenüberstehen. Kaygan selbst ist Türkiyem-Mitglied und als Jugendtrainer im Verein tätig. Das Spiel gegen Hertha ist der bisherige Höhepunkt in der Vereinsgeschichte, nachdem die Mannschaft zuletzt vier Mal hintereinander einen Aufstieg feiern konnte.

Ganz anders sieht die Situation bei Hertha BSC aus. Mitte der achtziger Jahre sind die Berliner von der Bundesliga bis in die Oberliga abgestürzt, seine Heimspiele trägt Hertha nun im alten Poststadion nahe dem Lehrter Bahnhof aus. Sportlich hat der SV Blau-Weiß 90 Hertha längst überholt. Suat Kaygan ist das egal. „Für uns war Hertha immer ein ganz besonderer Verein“, sagt er. „Hertha BSC, das war und ist das Aushängeschild des Berliner Fußballs.“

Als sich Kaygan auf den Weg zum Stadion macht, bekommt er erstmals einen Eindruck davon, welche Dimensionen dieses Spiel annehmen wird. „Schon vom Kottbusser Tor an lief der Verkehr nur noch stockend“, erinnert er sich. Am Poststadion angekommen, traute Kaygan seinen Augen kaum: „Aus allen Richtungen strömten die Menschen ins Stadion. Ganz Berlin war auf den Beinen.“

Weder bei Hertha noch bei Türkiyemspor hatte jemand mit dem Andrang gerechnet. Suat Kaygan wird kurzfristig gebeten, als Ordner auszuhelfen – erfolglos. „Damals war das alles noch nicht so professionell organisiert. Wie viele Leute am Ende ohne Eintrittskarte ins Stadion gekommen sind, weiß ich nicht mehr“, sagt Kaygan. Offiziell wird die Zuschauerzahl mit 11 949 angegeben, Kaygan schätzt aber, dass „locker 15 000 drin waren“.

Im Stadion herrscht eine unglaubliche Atmosphäre, alle Berliner – Deutsche wie Türken – feiern ein riesiges Fußballfest. Die Stimmung überträgt sich auf den Rasen. Von der ersten Minute an entwickelt sich ein rassiges Spiel mit hohem Tempo. Aufsteiger Türkiyemspor bereitet der favorisierten Hertha große Probleme. Mehr als einmal muss Herthas Torwart Walter Junghans gegen Kemal Eraslan klären. „Das war der türkische Gerd Müller“, sagt Kaygan. Eraslan wird am Saisonende mit 25 Treffern Torschützenkönig der Berliner Oberliga. An diesem Tag bleibt ihm aber wie seinen Mannschaftskollegen ein Tor verwehrt. Hertha spielt in der zweiten Halbzeit konzentrierter und gewinnt am Ende durch Tore von Zbigniew Krawczyk und Jürgen Rinke mit 2:0. Für Türkiyemspor soll es nur ein kleiner Rückschlag bleiben. Die Mannschaft spielt eine starke Saison und wird am Ende Fünfter. Hertha sichert sich wie erwartet den Staffelsieg und kehrt über die Relegation in die zweite Bundesliga zurück.

„Alle, die damals im Poststadion waren, werden diesen Tag nie vergessen“, sagt Suat Kaygan. „Die Menschen feierten friedlich miteinander, wie das Spiel ausging, war am Ende fast egal.“ Es sollte das letzte große Spiel im Poststadion sein. Ein Abschied, ganz ohne Verlierer.

Hertha - Türkiyemspor am 4. Oktober 1987

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