Sport : Berliner Eisbären: Die alten Helden sind müde

Claus Vetter

Im Berliner Osten ist das Eis nicht weicher als im Westen, und die Pucks fliegen auch nicht langsamer. Dennoch tun sich die Berliner Eisbären wie gewohnt schwer damit, den sportlichen Erfolgen des westlichen Lokalrivalen Berlin Capitals Adäquates entgegenzusetzen. Gestern absolvierten die Eisbären gegen die Nürnberg Ice Tigers (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) ihre letzte Partie der Spielzeit 2000/2001, doch schon lange vorher stand fest: Die Play-offs finden ohne den EHC statt. Wie im vergangenen Jahr. Die Anhängerschaft nimmt es geduldig zur Kenntnis. Wer in Hohenschönhausen zu den Eisbären geht, für den geht es nicht nur um Eishockey.

Das freut die Herren im fernen Colorado, aber es stimmt sie nicht unbedingt milder, wenn abgerechnet wird. Denn abseits des Eises wird in Hohenschönhausen ein wenig anders gearbeitet, seit Bob Sandermann am 3. September 1999 verkündete: "Today we bought the Eisbären." Einen Klub gekauft, so wie andere ein Spielzeug kaufen: Sanderman war ein Delegierter aus dem Imperium des Milliardärs Philip Anschutz aus Denver, Colorado. In den USA gehören Anschutz viele Klubs, jetzt wollte er auch auf den europäischen Markt.

Mancher träumte beim EHC Eisbären nun von glorreichen Zeiten. Der Weg zur Deutschen Meisterschaft, 1998 nur knapp verpasst, sollte mit den Millionen aus Übersee irgendwann locker drin sein. Von wegen: Anschutz schlug nicht nur in Berlin zu, sondern stieg auch beim Retortenklub München Barons ein. Der wurde gleich in seiner Premierensaison Meister, doch statt Jubelarien aus Denver gab es für Barons-Manager Max Fedra Schelte: Fedra hatte das Budget kräftig überzogen. Die Kritik aus Amerika sollte allen eine Lehre sein, auch den Verantwortlichen der Berliner Anschutz-Dependance. Amerikanisches Geschäftsdenken und deutsches, allein am sportlichen Erfolg orientierte, branchenübliches Gebaren, das passte nicht zusammen.

Bei Anschutz war man geduldig, als die Eisbären in der Vorsaison viel Geld verplemperten und mit müden Vorstellungen auf dem Eis die Fans vergrätzen. Es ging weiter wie gehabt. Mit schmalerem Budget als zuvor machte sich Manager Peter John Lee auf die Suche nach neuen Spielern. Dabei gelangen Lee durchaus einige Glücksgriffe - etwa die Kanadier Hicks oder Walker. Das größte Hemmnis war, dass alteingesessene Spieler mit ihren Dauerverträgen neue Höhenflüge blockierten. Mayer, Govedaris, Fortier, Cowie oder Leask gehören schon zum Inventar beim EHC. Sie kamen vor fünf Jahren ins Sportforum, halfen in der Steinzeit des Bosman-Urteils, aus einem Kellerkind ein Spitzenteam zu machen. Doch die Helden von einst sind älter geworden, das Niveau in der DEL ist gestiegen. Vermutlich fast alle der genannten - bei Fortier ist es noch nicht sicher - gaben gestern ihre Abschiedsvorstellung beim EHC.

Anhaltender sportlicher Misserfolg besiegelte zunächst im Herbst 2000 das Schicksal des überforderten Trainers Glen Williamson. Die Herren in der Anschutz-Zentrale wurden langsam unruhig und schauten in ihrer Berliner Dependance ein wenig genauer hin. Bald nachdem Detlef Kornett als Sportlicher Leiter bei der europäischen Anschutz-Filiale das Sagen hatte, wurde auf der Eisbären-Geschäftsstelle aufgeräumt. Kornett sprach vage von "Unregelmäßigkeiten" und beurlaubte gleich mal Martin Müller, der lange als Generalbevollmächtigter beim EHC die Fäden in der Hand hatte. Wenig später musste der langjährige Geschäftsführer Günter Haake gehen.

Der Kehraus hat in Hohenschönhausen längst begonnen. Manager Peter John Lee und Trainer Uli Egen sind davon nicht betroffen. Beide wissen, was in der kommenden Saison von ihnen erwartet wird: viel Erfolg mit wenig Geld. Fünfeinhalb Millionen Mark darf Lee für Spieler ausgeben. Das reicht sicher nicht, um mit Spitzenteams wie Mannheim oder Köln zu konkurrieren. Mit Felski, Pyka, Laperriere, Tomlinson, Walker und Lindman haben nur sechs Spieler weiter laufende Verträge. Bei der Zusammenstellung des neuen Teams soll einerseits auf erfahrene, vorrangig ausländische Spieler, andererseits auf junge Deutsche gesetzt werden. Und mit dieser Mischung müssen es die Eisbären dann endlich in die Play-offs schaffen. "Wenn wir in der nächsten Saison keinen Erfolg haben", sagt Manager Lee, "wissen wir ja, was passiert." Dann wird aussortiert. Aber nicht nur beim spielenden, sondern auch beim leitenden Personal.

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