Sport : Berliner Eishockey: Vom Kasperl zum Strippenzieher

Claus Vetter

Billy Flynn sitzt in seinem Büro in Berlin-Hohenschönhausen. Der Marketing-Manager der Eisbären ist in die "Bild"-Zeitung vertieft. Der Artikel über die Capitals, den Lokalrivalen, interessiert Flynn weniger als das Bild darüber. Berlins Eishockey-Held Lorenz Funk ist da zu sehen, als Weihnachtsmann. Das Bild passt wohl zu einem, der den Abstieg vom Manager zum Frühstücksdirektor hinter sich hat. Flynn grinst. "Ist das nun peinlich?", fragt er vorsichtig. Abfällige Äußerungen in der Öffentlichkeit sind seine Sache nicht. Der 51-jährige weiß, was sich gehört. Schließlich kommt er aus dem manierlichen Neu-England in den USA. Seinem feinen, fast britischen Akzent kann man heraushören - wenn er denn Englisch spricht und nicht die Sprache seiner Wahlheimat Deutschland. Flynn stammt aus Boston, Massachusetts, ist aber längst ein Berliner.

Billy Flynn ist kein Hüne wie Funk, seine Präsenz leidet darunter nicht. Als Eishockeyspieler hat er eine mittelprächtige Karriere hingelegt, ob nun in der Universitätsmannschaft von Boston, in Nürnberg, Füssen oder Bremerhaven. Seine eigentliche Laufbahn begann erst danach. 1983 wurde er Trainer, in Hannover. Vorgeplänkel. Die großen Auftritte folgten neun Jahre später, beim BSC Preussen, der sich heute Capitals nennt. Feste gab es in der Eissporthalle an der Jafféstraße unter Trainer Flynn viele, nach jedem Sieg betrat der Mann aus Boston die Eisfläche. Nicht um sich feiern zu lassen, sondern um den jubelnden Zuschauern zu applaudieren. Manchem war das zu zappelig - etwa Hans Zach, heute Eishockey-Bundestrainer. "Ist euer Kaschperl immer noch da?", hat Zach einmal vor einem Spiel seiner Düsseldorfer EG in Berlin gefragt.

Dabei haben Zach und Flynn etwas gemeinsam: Beide sind gewiefte Verkäufer. Während Zach immer untertreibt, um dann am Ende umso besser dazustehen, ist Flynn ein Trommler und Träumer. Zufrieden ist die Kundschaft bei beiden. Das war so bei den Preussen, als Flynn "Trainer einer wunderbaren Mannschaft" war. Das ist jetzt so bei den Eisbären, wo ihr Eigentümer, die Anschutz-Gruppe aus den USA, am Berliner Ostbahnhof die "schönste Halle Europas errichten" will. Da werden die Eisbären in ein paar Jahren "der FC Bayern des Eishockeys" (Flynn).

Vor sieben Jahren ist Flynn von West nach Ost gewechselt. Schuld daran war Hermann Windler, damals Präsident des BSC Preussen. "Wir waren auf dem zweiten Platz, aber Windler war unzufrieden, weil sein Sohn nicht spielte", erzählt Flynn. "Mein Job ist es zu gewinnen, und dein Sohn ist kein guter Spieler, habe ich dem gesagt." Das war es dann für Flynn. Heute ist er froh darüber. "Jedes Mal, wenn ich den Windler treffe, bedanke ich mich bei ihm." Und man trifft sich schon mal, Flynn ist oft beim Nachfolgeverein der Preussen. Flynns Sohn Patrick spielt bei den Capitals im Nachwuchs, ist sogar U17-Nationalspieler für Deutschland. Ost oder West? Das ist für den Amerikaner Flynn kein Thema.

Mit jedem Wechsel dazugelernt

Drei Tage nachdem Flynn die Preussen verlassen hatte, rief ihn der damalige Eisbären-Präsident Helmut Berg an. Flynn ging nach Hohenschönhausen. Zunächst war er Trainer, später Manager. Jetzt zieht er als Marketingleiter im Hintergrund die Fäden.

Flynn hat mit dem Wechseln seiner Posten dazugelernt. Mit Vorliebe erzählt er eine Anekdote aus dem Jahre 1992: "Im September war ich Trainer bei den Preussen und habe versucht, Stürmer Sven Felski von den Eisbären zu uns zu locken. Ich habe ihm erzählt, das ein Wechsel für seine Weiterentwicklung bitter nötig sei. Im November war ich dann aber bei den Eisbären und Felski wollte weg. Ich überzeugte ihn davon, zu bleiben. Du gehörst nach Hohenschönhausen, habe ich gesagt. Da habe ich gelernt, das man alles von zwei Seiten verkaufen kann."

Der Verkäufer Flynn hat die Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen, akademisch erworben. Aus Boston hat er Universitätsabschlüsse in Betriebswirtschaft und Psycholgie mitgebracht. "Du musst an das glauben, was du verkaufst. Ich will respektiert sein, dabei müssen mich nicht alle lieben. Ehrlichkeit und Kontinuität sind mir das Wichtigste." Arbeitseifer auch. Flynn betritt um acht Uhr als Erster das Büro. Abends um neun verlässt er es oft als Letzter. "Das geht jeden Tag so. Das Beste, was du machen kannst, um deinen Arbeitsplatz zu sichern, ist deine Arbeit zu machen." Mit Vorliebe hinter den Kulissen. Die große Bühne sucht Flynn nicht mehr. "Ein Trainer ist nie zu Hause. Ich will zu Hause sein." Zu Hause ist Berlin. "Amerika ist schön für einen Urlaub, zum Leben ist Europa besser. Alle Länder sind nah beieinander. Es gibt mehr Kultur und mehr Freiheiten. Wenn ich will, kann ich um ein Uhr morgens in Sevilla mit meiner Familie in einem Restaurant sitzen."

Flynn ist Rhetoriker, Worte sind sein Handwerk. Die deutsche Sprache kennt er bis in die Nuancen. Trotz seiner Zurückhaltung nach außen sollte niemand seine Position im Machtgefüge der Eisbären unterschätzen. "Bevor bei uns ein Bleistift gekauft wird, geht das über meinen Tisch", sagt Flynn. Natürlich ist der Kauf von Schreibwaren Nebensache. Die Großarena ist sein Projekt. Und das ist für die amerikanischen Eigentümer der Eisbären wichtiger als der aktuelle Tabellenstand oder die sportlichen Planungen für die nächste Saison.

Doch Flynn trommelt auch in der Gegenwart. Mit Liebe zum Detail. Zum heutigen Spiel gegen Mannheim (15 Uhr, Sportforum) bietet er ein "unschlagbares Familienticket" an. "75 Mark für die Eltern und zwei Kinder. Ein Super-Nachmittag mit Essen für die Großen und einer Bastelstraße für die Kleinen." Amerikanisches Marketing halt. "Die Leute sollen immer kommen, unabhängig davon, ob wir gewinnen oder verlieren." Billy Flynn hat jedenfalls schon gewonnen.

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