Berliner Fanmeile : Des Märchens zweiter Teil

Die finale Party: Die deutsche Nationalmannschaft wird auf der Fanmeile erwartet.

Helmut Schümann

Sie werden in Scharen kommen, heute vors Brandenburger Tor. Sie werden lachen, jubeln, feiern. Sie werden Fahnen schwenken, und es wird alles so sein wie damals, 2006, als das Sommermärchen geschrieben wurde. Es war damals egal, ob die deutsche Mannschaft einen Pokal in den Händen hielt oder nicht, und auch diesmal spielt es nur eine untergeordnete Rolle. Deutschland will feiern, Deutschland feiert und tut dies schon seit drei Wochen.

Die EM 2008 also eine Neuauflage der Weltmeisterschaft im eigenen Land? Nicht ganz, eben weil sie nicht zu Hause stattfand und die Gäste fehlten. Die Touristen, die in diesen Tagen Deutschland besuchten, waren nicht des Fußballs wegen gekommen, aber wenn er denn öffentlich zelebriert wurde, tranken sie auch gerne ein Gläschen mit.

Denn Party war allemal, Themenparty, mit dem Fußball und der deutschen Mannschaft als Motto. Es ist müßig zu fragen, wie rauschend das Fest verlaufen wäre, wenn die Deutschen vorzeitig aus dem Turnier ausgeschieden wären, sie sind es nicht, also hoch die Tassen und die Kriegsbemalung angelegt.

Nein, das stimmt nicht, es waren keine Krieger, die in die Public-Viewing-Zonen einzogen, sie bemalten und uniformierten sich nicht aus martialischen Gründen, sie kostümierten sich. Weil die EM ’08 in Deutschland ein Maskenball war, noch mehr als die Fete vor zwei Jahren. Kein Karneval der Kulturen, aber ein Karneval einer Kultur, der Feierkultur. Und in der schlüpften die einen in die Rolle der Russen, andere in die der Portugiesen, die meisten in die der Deutschen und die Zwitter in die der Turkodeutschen oder Deutschtürken. Die tauschten dann auch schon mal ihre Fangesänge aus und stimmten abwechselnd „Deutschiye!“ und „Türklaaaand!“ an. Wer in Letzterem ein Indiz für vollzogene Integration und Türken und Deutsche als einig Volk von Brüdern sieht, dürfte noch immer im Vollrausch sein. Aber schöne Bilder gegen die Hysterie in der Migrationsdebatte lieferte diese EM schon. Wohl kein anderes Ereignis, kein Gesetzentwurf und keine Regierungsumbildung, hätte diesen kurzen Moment der Umarmung ermöglicht. Das schafft derzeit nur der Fußball.

Obwohl er doch nur Schablone war. Das mag die Quote belegen, wonach mehr Frauen als Männer die Party besuchten. Das ist aber vor allem zu spüren und zu hören, wenn man in den Fan-Zonen steht, in denen Ahnungslosigkeit vom Objekt der Freude kein Problem ist. Regelkunde, Taktikschule, der Masse ist’s gleich. Und selbst das Ergebnis eines Spiels schien mitunter nicht von Belang. Wenn die Mannschaft des Herzens verlor, na und, dann wurde eben das Herz gefeiert.

Und das sind sie doch, Mannschaften des Herzens. Das hat mit Nationalismus nichts, aber auch gar nichts zu tun, nicht mal mit Patriotismus, und dass nach dem Spiel der Türken gegen die Deutschen in Dresden ein paar Dumpfbacken Dönerbuden attackierten, ist kein Gegenbeweis, sondern nur ein Zeichen dafür, dass wir in Deutschland mancherorts ein großes und zu bekämpfendes Dumpfbackenproblem haben.

Drei Wochen nun hat dieses Land „Deutschlaaand, Deutschlaaand!“ gesungen, und morgen werden die Fahnen wieder eingerollt. Dann werden auch die Fußballpuristen wieder mit sich und der Bundesliga allein sein. Sie haben nicht einmal gemeckert, dass ihnen das Wahre, Schöne, Erdige des Fußballs genommen und zum Event verwandelt wurde. Kulturpessimismus, Verfall der Werte und sogar die Bildung stehen hinten an, wenn der Ball rollt – ja, bitte, wenn denn wieder geklagt werden muss. Aber erst ab morgen.

Und jetzt ab zum Brandenburger Tor, zur finalen Party.

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