Berliner Fußballerin : Afghanistans Torhüterin kommt aus Zehlendorf

Die 17-jährige Berlinerin ist Fußballerin bei Hertha Zehlendorf - und steht für die afghanische Nationalmannschaft im Tor. Ihr Vorbild kommt aus Madrid.

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Die Heimat der Eltern im Herzen. Dorranai Hassan beim Training mit dem afghanischen Nationalteam – in Kalifornien.
Die Heimat der Eltern im Herzen. Dorranai Hassan beim Training mit dem afghanischen Nationalteam – in Kalifornien.Foto: Zoe D’Amaro

Wenn die Gegnerin durch ist, kommt es allein auf sie an. Dann liegt es an der 17-Jährigen, das Gegentor zu verhindern. Die Verantwortung, der Druck, all das lastet dann auf der Torhüterin. Und genau das ist es, was sie an ihrer Position liebt. „Es ist ein gutes Gefühl die letzte Frau zu sein“, sagt Dorranai Hassan. „Je mehr Druck ich spüre, desto besser spiele ich.“ Torhüterinnen-Regel Nummer eins: Man muss dem Druck standhalten können. Und das muss Dorranai auch als Spielerin der Nationalmannschaft von Afghanistan.

Erstes Länderspiel im Dezember

Die Fußballgeschichte von Dorranai beginnt, als sie etwa drei Jahre alt ist. Damals entschließt sich das Mädchen aus Zehlendorf, deren Eltern aus Afghanistan stammen, statt Kuscheltieren einen Ball mit ins Bett zu nehmen. Im Kindergarten kickt sie mit den Jungs, in der Schule besucht sie die Fußball-AG, 2009 hat sie ihr Debüt in der Mädchenmannschaft von Hertha Zehlendorf. Das Ernst-Reuter-Stadion bleibt ihre sportliche Heimat, heute spielt sie in der B-Jugend. Bundesliga. Im Dezember letzten Jahres absolviert Dorranai dann ihr erstes Länderspiel für die afghanische Elf.

Seit dem Spiel gegen Indien während der Südasienmeisterschaft sind mittlerweile gut vier Monate vergangen. Es war eine 1:5-Niederlage und trotzdem irgendwie ein Sieg. Zumindest für Dorranai. War ja schließlich ihr Debüt. Dass es wirklich stattgefunden hat, kann sie noch immer kaum glauben. Dass sie überhaupt in die Nationalelf geraten ist, hat sie sich selbst zu verdanken. „Ich habe letztes Jahr ein Interview von zwei Hamburger Spielerinnen der Nationalmannschaft gelesen und dann Kontakt aufgenommen. Die haben mich weiter vermittelt“, sagt Dorranai. Auf einem Lehrgang in Amsterdam wurde sie vom Torwart-Coach der Auswahl für gut befunden. „Es ist für mich eine Riesenehre und Chance“, sagt sie.

Links? Früher schrecklich, mittlerweile okay

Um ihr Ziel zu erreichen, hat die Torhüterin hart trainiert. „2014 wurde ich beim Sichtungstraining der Berliner Auswahl für zu schlecht befunden. Da dachte ich, jetzt erst recht“, sagt sie. Dorranai wollte beweisen, was sie kann. Sich selbst und allen anderen. Ihr Torwarttrainer, Oliver Hähnke, hat sie dabei unterstützt, hat ihr gezeigt, wo ihre Schwächen liegen. Die rechte Seite ist kein Problem. Schokoladenseite, da war sie schon immer gut. Links? Früher schrecklich, mittlerweile okay. Potential nach oben gibt’s bei hohen Bällen. „Das Springen habe ich mich früher nicht getraut“, sagt Dorranai. Torhüterinnen-Regel Nummer zwei: Du darfst keine Angst haben.

Die Geschichte der afghanischen Frauenmannschaft ist jung. Gründung im Jahr 2007, erste Erfolge noch im selben Jahr als Sieger der Pakistan-Liga und im Jahr 2012 als Halbfinalist der Südasienmeisterschaft. In der Weltrangliste steht die Mannschaft auf Platz 109 von 115.

Früher wurden Spielerinnen bespuckt

Die meisten Spielerinnen des 35 Frau starken Kaders leben in anderen Ländern. Neben fünf Spielerinnen aus Deutschland sind das Dänemark, Schweden, Norwegen, die Niederlande und die USA. Nur zwölf Spielerinnen sind in Afghanistan zuhause. Trainingscamps und Spiele finden im Ausland statt. Noch, sagt Dorranai. „Es steht nicht außer Frage, ob wir da trainieren oder spielen. Wir wissen nur noch nicht wann.“ Dann fügt sie hinzu: „Bei uns ist es mittlerweile normal, dass Frauen Fußball spielen. In Afghanistan ist es das noch nicht.“ Auch, wenn sich die Situation langsam bessere.

„Mitspielerinnen haben mir erzählt, dass sie jahrelang auf dem Weg zum Training angespuckt und mit Steinen beworfen wurden. Das passiert nur noch selten“, sagt Dorranai. Jetzt gebe es neben den Gegnern auch „Supporter“ im Land, die sich hinter die Frauen und ihre sportliche Leistung stellten. Dafür will auch Dorranai kämpfen. Für die Freiheit auf dem Fußballplatz. „Wir geben den Frauen dort mit unserer Mannschaft sehr viel Hoffnung. Und das Gefühl, Hoffnung zu geben, ist unglaublich“, sagt sie.

Dorranai spricht afghanisch, in Afghanistan war sie nie. Zu gefährlich, wie sie sagt. Eine Verbindung zu dem Land spüre sie trotzdem, sei stolz für die Heimat ihrer Eltern zu spielen. Hätte sie die Wahl zwischen der deutschen und der afghanischen Nationalelf, ihre Entscheidung fiele auf Afghanistan. Das ist zumindest, was sie nach einigem Zögern sagt.

Ihr Vorbild: Real-Madrid-Legende Iker Casillas

Kulturelle Unterschiede innerhalb der Mannschaft? Optisch sehe man, dass einige ein Kopftuch tragen und andere nicht. Das sei aber auch schon alles. Die Mannschaft sei wie eine große Familie. Und wenn man auf unterschiedlichen Kontinenten lebt, kommuniziert man eben übers Internet via WhatsApp oder Snapchat. „Wir stehen alle in Kontakt und motivieren uns gegenseitig aus der Ferne“, sagt Dorranai. Das nächste Trainingslager soll voraussichtlich im Sommer stattfinden.

Neben dem Fußball besucht Dorranai die elfte Klasse. Nach der Schule will sie ein Stipendium in Amerika ergattern. Frauenfußball ist dort populärer, Frauenfußball wird dort besser gefördert. Ihr Vorbild: Real Madrid-Legende Iker Casillas. Wie er will sie irgendwann spielen. Nummer eins von Hertha Zehlendorf ist Dorranai schon. In der Nationalmannschaft steht sie noch an zweiter Stelle. Das soll sich irgendwann ändern. Dritte und letzten Torhüterinnen-Regel: Du musst ehrgeizig sein. Und bei all dem Ehrgeiz dem Druck stand halten.

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