Sport : Berliner Kompetenz

Herthas Trainer Meyer hat nicht viel von Andreas Neuendorf gehalten – er hat sich geirrt

Stefan Hermanns

Berlin. Neulich, im Flugzeug, hat Andreas Neuendorf einen seiner typischen Andreas- Neuendorf-Späße gemacht. Ein paar Minuten vor dem Start ging die Stewardess durch den Gang, um die Passagiere zu zählen, und kurz bevor sie den Sitz von Neuendorf passierte, murmelte der vor sich hin: „Siebzehn, sechsundzwanzig, dreiundvierzig.“ Neuendorf, 29 Jahre alt und Profi beim Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, findet so etwas witzig. Hans Meyer, sein Trainer, vermutlich nicht.

Andreas Neuendorf, der den Künstlernamen Zecke auf seinem Trikot trägt, ist ohnehin jemand, der in der öffentlichen Wertschätzung sehr unterschiedlich wegkommt. Huub Stevens, bis zum Dezember Herthas Trainer, hat einmal über den Mittelfeldspieler gesagt: „Wenn einer sozial ist, dann ist das Zecke.“ Vor allem beim Berliner Anhang gibt es keinen Spieler, der ähnlich gute Sympathiewerte besitzt. Wenn Hertha schlecht spielt, rufen die Fans: „Außer Zecke könnt ihr alle geh’n!“ Im Grunde ist Neuendorf immer ein Fan geblieben, der nur durch glückliche Umstände für Hertha spielen darf.

Hans Meyer aber hat sich durch Neuendorfs soziale Kompetenz anfangs wenig beeindrucken lassen. „Ich habe ihn nicht unbedingt als wichtigen Spieler für mich angesehen“, hat Herthas Trainer jetzt gesagt. Im Trainingslager im Januar sei Neuendorf geradezu über den Platz geschlichen, anstatt sich anzubieten. Beim ersten Spiel nach der Rückrunde in Bremen saß er folgerichtig nur auf der Bank. Hertha verlor 0:4. In dieser Woche, vor dem Heimspiel gegen den VfL Bochum (heute, 15.30 Uhr) hat Meyer seine Fehleinschätzung in Sachen Neuendorf öffentlich eingestanden. „Er ist einer unserer wenigen Kreativkräfte. Das macht er richtig gut.“

Im Sommer läuft Neuendorfs Vertrag bei Hertha aus. Welche Aussichten hätte er in Berlin noch gehabt, wenn er unter Meyer eine komplette Halbserie auf der Bank gesessen hätte? Neuendorf drohte als schlampiges Genie zu scheitern. Er gilt zwar als technisch begabt, aber auch als verletzungsanfällig. Zudem schien es ihm an der rechten Einstellung zu seinem Beruf zu mangeln.

Gegen Stuttgart und in Freiburg hat Neuendorf von Anfang an gespielt – Hertha gewann beide Spiele, gegen Freiburg schoss er ein Tor. Eine Woche später, gegen Frankfurt, fehlte er wegen seiner fünften Gelben Karte – Hertha verlor. Der Mannschaft mangelte es am Willen zu gewinnen. In dieser Frage wird man Neuendorf nie etwas vorwerfen können. Erstaunlich ist vielmehr, dass er zuletzt auch spielerische Leichtigkeit in Herthas Auftritte brachte. Im Herbst war Neuendorf häufiger als möglicher Ersatz für den verletzten Marcelinho genannt worden, doch mit der Aufgabe, Herthas Spiel zu lenken, schien er überfordert. Jetzt spielt er neben dem Brasilianer, und vor einer Woche, beim Sieg in Hannover, hat sich gezeigt, dass er eine kreative Entlastung für Marcelinho sein kann. Meyer sagt, dass er im offensiven Mittelfeld jetzt ein bisschen besser gewappnet sei.

Neuendorf sieht das alles recht nüchtern, vor allem den Zusammenhang zwischen seinem Mitwirken und Herthas Siegen: „Wir haben auch mit mir genug Spiele verloren.“

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