Sport : Berliner Paarläufer Kautz/Jeschke fahren zur Weltmeisterschaft nach Nizza

Julia Möhn

Peggy Schwarz erzählt von den Problemen, die man hat, wenn man ohne finanzielle Grundsicherung Leistungssport betreiben will. Ihr Partner Mirko Müller nickt zustimmend. Und Mariana Kautz lächelt. "Mariana und Norman haben einfach den Kopf frei", sagt der Trainer Knut Schubert später, "die müssen sich noch nicht so viele Gedanken über Geld machen." Mariana Kautz und Norman Jeschke sind das Nachwuchspaar vom Berliner Trainer Knut Schubert. Mit 19 und 21 Jahren sind sie jung genug, um Existenzsorgen auf später zu verschieben. Im Gegensatz zu ihren Trainingskollegen Peggy Schwarz und Mirko Müller, mit denen sie zusammen bei den Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften in Nizza vom 26. März bis zum 2. April antreten werden. Die finanziellen Schwierigkeiten von Schwarz verhindern ein unbelastetes Arbeiten: "Wir sind im Moment auf die Preisgelder angewiesen. Das bedeutet einen wahnsinnigen Druck bei den Wettkämpfen", sagt Müller. Die Jüngeren dagegen müssen bei der Frage nach diesem Druck länger nachdenken: "Die Deutsche Meisterschaft", fällt Norman Jeschke ein, "wenn man es da nicht bringt, wird diskutiert, ob man noch förderungswürdig ist." Dann könne man aus dem Kader fallen. Und dass es das mit den Kadern ja früher auch nicht gegeben habe.

Kautz und Jeschke sind erst seit 1998 auf dem Eis ein Paar, ihre Karrieren aber haben ihren Beginn in der DDR. Seit sie vier Jahre alt sind, laufen sie. Im geschlossenen Fördersystem der DDR fühlten sie sich wohl. Nach 1989 sei alles anders. "Der Erfolg ist noch stärker eine Frage der Persönlichkeit geworden", sagt Jeschke. Viele seiner Bekannten hätten damals die Sportart gewechselt und seien Fußballer geworden: "Die haben gedacht, dass es da mehr Geld gibt." Sportler "mit wahnsinnigem Talent" würden heute auf Baustellen arbeiten.

Mariana Kautz macht ihr Abitur an der Sportschule in Hohenschönhausen. Dank eines "Streckungsjahrs" hat sie dafür ein Jahr mehr Zeit und kann auch manchmal vormittags trainieren. Oft steht sie aber auch nach acht Stunden Schule noch auf dem Eis. "Selbstdisziplin" sei wichtig, sagen beide.

Wichtig für den Erfolg als Paar war aber auch die kritische Selbsteinschätzung. "In den Paarlauf geht man, wenn man als Einzelsportler nicht bestehen kann", sagt Mariana Kautz. "Als Einzelläufer musst du der totale Crack sein. In der DDR hat man den Sportlern mit 14 Jahren gesagt, dass sie lieber Paarlauf machen sollen. Wir haben den Entschluss selbst gefällt", erzählt Jeschke. Als Einzelläuferin, sagt Mariana, habe sie auch immer das Ziel gehabt, an die Spitze zu kommen: "Aber jetzt kann man das Ziel sehen, man kann es fast anfassen."

Bei der letzten Europameisterschaft, erinnert sich Trainer Schubert, habe er oft gedacht, er träume. Da wurden die Berliner Zehnte, nach nur gut zwei Jahren gemeinsamen Trainings. Zwei weitere Jahre müsse man ihnen noch geben, sagt Schubert, dann könnten sie zur europäischen Spitze gehören: "Bei denen pocht das Herz, wenn sie auf dem Eis stehen. Die haben Spaß." Das Paar selbst sieht Nachholbedarf im Tänzerischen. Um das Balletttraining habe sich nach der Wende keiner mehr gekümmert. "Bisher kommen wir sportlich rüber. Wir wollen eleganter werden", sagt Jeschke.

Paarlaufen ist eine sensible Angelegenheit. "In keiner Eislauf-Disziplin muss die Frau mehr leisten", sagt Schubert. Es gebe Mädchen, die hätten Angst vor den Würfen und Hebungen: "Man muss sich da aber richtig einen Kick holen." Bei Jeschke und Kautz gebe es im Training selten Probleme: "Die sind wenig störanfällig". Die 1,58 Meter große Kautz und der 1,79 Meter große Jeschke harmonieren bei den komplizierten Elementen. Auch neben der Eisbahn. Nichts sei schlimmer, sagt Norman Jeschke, als Paare, die sich nicht mögen und sich gegenseitig verantwortlich machen für den Misserfolg. Und seine Partnerin ergänzt: "Wir sind ein Team. Wie beim Fußball, da verliert und gewinnt man auch zusammen."

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