Berliner Sechstagerennen : Andreas Müller: Ewig auf der Flucht

Keiner war so oft beim Sechstagerennen dabei wie Andreas Müller, der Österreicher aus Berlin.

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Endlich wieder richtig anstrengen. Andreas Müller ist schon zum 15. Mal beim Berliner Sechstagerennen am Start. Im Vorjahr holte er den Gesamtsieg mit dem Belgier Kenny de Ketele.
Endlich wieder richtig anstrengen. Andreas Müller ist schon zum 15. Mal beim Berliner Sechstagerennen am Start. Im Vorjahr holte...Foto: imago/Bernd König

Wenn im Berliner Velodrom der „Sportpalast-Walzer“ ertönt, pfeifen die Zuschauer mit. Viermal. Es ist ein festes Ritual beim Sechstagerennen. Weniger bekannt ist der Schöpfer des Liedes: Siegfried Translateur komponierte mit 17 Jahren den Walzer „Wiener Praterleben“, die Urform des „Sportpalast-Walzers“. Translateur hat den Großteil seines Lebens in Berlin verbracht – und ist hier dennoch kaum bekannt.

Mit Andreas Müller ist es ganz ähnlich: In diesem Jahr startet er zum 15. Mal beim Sechstagerennen in seiner Heimatstadt – keiner aus dem aktuellen Fahrerfeld war so oft dabei wie der 35-Jährige. Er ist fester Bestandteil des Sechstagerennens. „Hier zu starten ist für mich eines der größten Erlebnisse jedes Jahr.“ Mehr Berliner zu sein, als Müller es ist, geht kaum: Er ist 1979 hier geboren. Nur wenige hundert Meter von der Werner-Seelenbinder-Halle ist er zur Schule gegangen. Als Nachwuchsfahrer war er 1993 bei der Grundsteinlegung für das Velodrom dabei. Der Höhepunkt war im vergangenen Jahr der Gesamtsieg zusammen mit dem Belgier Kenny de Ketele. Und dennoch hat das Berliner Publikum den gebürtigen Berliner Müller lange Zeit nicht so recht wahrgenommen. „Die Jahre zuvor war das tatsächlich so“, sagt er, „aber mit dem Sieg im vergangenen Jahr hat sich das verändert. Die Zuschauer sind diesmal ganz anders mitgegangen, das hat mich positiv überrascht.“

Dass es solange gedauert hat, liegt wohl auch daran, dass Müller schon früh das Fernweh gepackt hat. „Wir Radrennfahrer sind permanent auf der Flucht“, sagt er und meint damit wohl vor allem sich selbst. Ende der achtziger Jahre zog er mit seiner Familie für drei Jahre nach Moskau. Dort spielte er anfangs Tischtennis und Fußball, „aber beim Fußball habe ich mich nie richtig anstrengen müssen, da hat man ein bisschen trainiert und dann ein paar Freistöße geübt. Erst beim Radsport konnte ich mich richtig auspowern.“

Den Radsport hat er erst entdeckt, nachdem seine Familie nach Berlin zurückgekehrt war. Doch nach vier Jahren in der deutschen Nationalmannschaft wurde er zunehmend unzufriedener mit den Bedingungen im deutschen Verband. Also hat er 2008 rübergemacht, wie Müller seinen Wechsel nach Österreich bezeichnet. „In Kolumbien würde so einer wie ich bestimmt erschossen“, schreibt er auf seiner Homepage. „Als Vaterlandsverräter. So wie einst Escobar, nach dem Eigentor gegen Kolumbien.“ Seitdem hat er zwei Wohnsitze – einen in Berlin, einen in Wien – und zwei Staatsbürgerschaften. Einen Einbürgerungstest musste er dafür nicht machen: „Wenn der Wechsel von nationalem Interesse ist, geht das ganz schnell.“

Sportlich hat sich der Wechsel für ihn gelohnt: Neben zahlreichen Meistertiteln wurde er als Österreicher WM-Dritter und -Zweiter. Im Herbst holte er mit seinem österreichischen Teamkollegen Andreas Graf bei der Bahn-EM die Goldmedaille im Zweier-Mannschaftsfahren. Während Müllers ehemaliger Kollege de Ketele dieses Jahr mit dem Spanier David Muntaner versucht, das Führungsduo Leif Lampater/Marcel Kalz noch zu überrunden, hat Müller nur noch das Ziel, den einen oder anderen Wettbewerb zu gewinnen. Der Gesamtsieg ist in weite Ferne gerückt. Nach dem Sechstagerennen ist er wieder auf der Flucht. Dann geht es für ihn und Graf zur WM nach Paris. Das Reisen ist Müller gewohnt. Zum Trainieren braucht er sowieso kein Zuhause, „Landstraßen gibt es überall“.

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