Sport : Berliner Sparmeisterschaften

Bei den neuen Kürzungsvorschlägen für die Sportförderung gibt es keine Tabus mehr – die Sportler wehren sich, haben aber auch eigene Ideen

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Von Robert Ide

Berlin. Die Schlagzeile klingt sensationell. „Stadion-Ruine ist Weltkulturerbe“, verkündet die Boulevardzeitung, darüber steht ein Foto von verfallenden Tribünen im Poststadion Tiergarten. Die Zeitung heißt „ratzfatz“ und ist eine Erfindung des Landessportbundes. Der Verband will damit auf die Sparzwänge für den Berliner Sport aufmerksam machen. Vor allem aber will er zeigen: Ihren Humor haben die Sportler nicht verloren.

Einfach ist das nicht. Fast wöchentlich kursieren neue Nachrichten über Einsparmöglichkeiten durch die Stadt. Seit dem Wochenende wird über weitreichende Vorschläge aus der Finanzverwaltung diskutiert, die den Sport betreffen. Demnach soll die gesamte Sportförderung gekappt werden, auch die Lottomittel für Sportvereine und die kostenlose Nutzung von Turnhallen und Fußballplätzen für Breitensportler sollen zur Disposition stehen. Für viele Berliner Vereine wäre das schlichtweg das Aus (siehe Kasten).

Die Sportler wehren sich. Am Samstag demonstrierten 5000 Menschen auf dem Breitscheidplatz gegen die Kürzungen. Am Dienstag nun schaltete sich der Chef des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, ein. „Das ist die größte Krise des Berliner Sports“, sagte von Richthofen dem Tagesspiegel. Der Vorschlag, Sportanlagen nicht mehr kostenlos zur Verfügung zu stellen, sei eine „Katastrophe“. Schließlich würden dann die Mitgliedsbeiträge in Vereinen ansteigen – der Landessportbund rechnet mit einer Erhöhung von sechs Euro monatlich auf 20 Euro. „Wenn das passiert, bleiben die Kinder weg“, klagt von Richthofen. „Und dann ist es vorbei mit der Integration ausländischer Kinder oder Jugendlicher aus sozial schwachen Familien.“ Der Senat müsse klar sagen, ob Berlin weiterhin eine Sportstadt sein soll. Von Richthofen: „Eine Sportstadt besteht nicht nur aus Hertha, Istaf und dem Marathon.“

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte sich erst am Samstag zur Sportstadt bekannt und die Leistungen der Bundesligaklubs gerühmt. Im Tagesspiegel-Interview sagte er: „Wir stellen den Vereinen die Sportanlagen kostenlos zur Verfügung.“ Auf die Nachfrage, ob das so bleibt, antwortete Wowereit: „Für den Breitensport: Ja.“ Am Dienstag war der Senat bemüht, die Debatte um die Sparvorschläge einzudämmen. „Das sind interne Überlegungen ohne politischen Wert“, hieß es aus den Senatsverwaltungen. Wowereit machte aber auch klar: „Ich stehe voll hinter der Konsolidierungslinie des Finanzsenators.“

Trotz dieser Worte äußerte sich der Landessportbund (LSB) am Dienstag vorsichtig optimistisch. Zwar beklagte sich LSB-Chef Peter Hanisch offiziell über das „Kaputtsparen des sozialen Netzes“ und bezeichnete die Vorschläge als „Affront gegen die Kinder und Jugendlichen der Stadt“. Abseits offizieller Verlautbarungen schlug Hanisch aber milde Töne an. „Ich vertraue auf die Zusagen des Regierenden Bürgermeisters und des Sportsenators“, sagt er auf Nachfrage. Erst am Wochenende war Hanisch im Senat vorstellig geworden. Dort sei ihm zugesichert worden, dass die Sportförderung ebenso erhalten bleibe wie die Finanzierung über Lottomittel. Auch die kostenpflichtige Nutzung der Sportanlagen stehe nicht zur Debatte. Für den Bund der Steuerzahler sind solche Zusagen nicht hilfreich, um den Haushalt zu sanieren. „In dieser Lage muss eine Nutzungsgebühr für Sportvereine diskutiert werden“, sagt der Chef des Berliner Steuerzahler-Bundes, Günter Brinker. „Wer Sport betreiben will, muss auch seinen Beitrag leisten.“

Ein Ende der Diskussion ist nicht absehbar. Hanisch macht deshalb jetzt eigene Sparvorschläge. „Die Vereine sind bereit, Verantwortung für Sportanlagen zu übernehmen und damit die Betriebskosten zu senken“, bietet Hanisch an. Bis Anfang nächsten Jahres sollen dazu ein Konzept und entsprechende Musterverträge ausgearbeitet werden. Zudem wird über die Bezuschussung von 20 Schwerpunktsportarten neu nachgedacht. „Wir prüfen, ob wir die Förderung auf zwölf bis 14 Sportarten reduzieren können.“ Allerdings sei das erst im Jahre 2004 möglich – bis dahin gelten die Förderverträge. Spätestens in zwei Jahren soll was passieren. „Man kann nicht nur immer jammern, dass alles so furchtbar ist“, sagt Manfred von Richthofen. „Jetzt muss man Schwerpunkte setzen.“

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