Berlins Leichtathletik : Wir wären so gerne Leverkusen

Im Jahr nach den Weltmeisterschaften in der eigenen Stadt setzt die Berliner Leichtathletik auf Konzentration und Breitensport. Es sollen mehr Spitzenathleten gefördert werden und Freizeitläufer in die Vereine gelockt werden.

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Berlins Bester. Diskus-Weltmeister Robert Harting wirft für den SCC. -Foto: dpa

Berlin - Am Mittwoch hat Carsten Schlangen seine sportliche Grundlage verloren. Fast hat er dabei zusehen können, wie sie ihm unter den Füßen wegschmolz. Im Schnee des Volksparks Friedrichshain hatte der Berliner Leichtathlet in den vergangenen Wochen täglich zwei Stunden seine Ausdauer und Koordination auf Skiern trainiert. Damit ist es jetzt vorbei, der Mittelstreckenläufer kehrt von der Loipe zurück in die Laufbahn.

So wie der mehrfache Deutsche Meister Schlangen will Gerhard Janetzky auch mit der gesamten Berliner Leichtathletik neue Wege ausprobieren und von anderen Sportarten lernen. Der Ende des vergangenen Jahres gewählte Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes denkt laut über Kooperationen und sogar eine Fusion mit anderen Verbänden nach. Den Berliner Leichtathleten könnte es schließlich viel besser gehen. „In den vergangenen Jahren haben wir eigentlich nur Athleten verloren“, sagt Janetzky. Die Mitgliederzahl liegt gerade bei 10 000 und ist rückläufig. Und auch die Weltmeisterschaften in der eigenen Stadt haben der Berliner Leichtathletik nur begrenzt weitergeholfen. „Die WM hat der Leichtathletik durch hohe Einschaltquoten und schöne Bilder Selbstbewusstsein gebracht“, sagt Janetzky, „aber mehr Sponsoren, Mitglieder und Übertragungszeit im Fernsehen? Nein.“

Als Gegenmittel ist ihm neben einer Kooperation oder Fusion etwa mit dem Turnerbund bislang unter anderem die Konzentration der Kräfte eingefallen. Im Leistungssport seien zwar ohnehin nur drei Vereine übrig geblieben, der SCC, die LG Nord und die LG Nike, deren Präsident Janetzky ebenfalls ist. „Aber um auch mal wieder neue Athleten nach Berlin zu holen, müssen wir verstärkt Leistungsgruppen bilden.“ Sein Vorbild ist dabei Leverkusen, seit Jahren das deutsche Zentrum des Stabhochspringens.

Beim SCC, der sich mit dem Berlin-Marathon und anderen Laufwettbewerben bundesweit eine herausragende Stellung erarbeitet hat, finden Janetzkys Vorschläge zurückhaltendes Wohlwollen. „Ich glaube, dass schon jetzt weitestgehend Schwerpunkte gesetzt werden“, sagt Andreas Statzkowsky, der Vorsitzende der SCC-Leichtathletikabteilung. Die besten Diskuswerfer zum Beispiel, allen voran Weltmeister Robert Harting, gehören dem SCC an. Die besten Mittelstreckenläufer wie Carsten Schlangen haben sich bei der LG Nord zusammengefunden. „Vielleicht wäre aber ein regelmäßig stattfindender runder Tisch der drei großen Vereine sinnvoll“, sagt Statzkowsky.

Die Konzentration ist ein Vorsatz des BLV-Präsidenten Janetzky, ein anderer die Absicherung der Athleten. „Wenn ich jungen Athleten einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeit in Berlin besorge, helfe ich ihnen mehr als mit ein paar hundert Euro im Monat.“ Das dürfte jedoch nicht immer so leicht sein, Carsten Schlangen sucht nach seiner Diplomarbeit eine Stelle als Architekt, „da sieht der Arbeitsmarkt sowieso nicht so gut aus“, sagt er.

Mit den zahlreichen Laufveranstaltungen vom kleinen Kiezrennen bis zum Berlin-Marathon behauptet sich Berlin zwar als Läuferhauptstadt – die Entwicklung geht aber an den meisten Vereinen vorbei. Wenigstens einen Bruchteil der Freizeitläufer aus den Straßen und Parks möchte Janetzky für seine Vereine gewinnen. „Wir können doch die Qualität anbieten von Trainingstipps über Motivation bis zur Betreuung“, sagt Janetzky und hat hier ebenfalls ein fachfremdes Modell gefunden: „Im Golf gibt es die Vereinigung clubfreier Golfspieler. Etwas Ähnliches könnten wir auch schaffen.“

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