Alba Berlin : Der Herr des Balles

Immanuel McElroy ist trotz seiner Verletzung bei Alba Berlins Halbfinaleinzug der überragende Mann.

Helen Ruwald

BerlinAlba Berlins Mannschaftsarzt wunderte sich ziemlich, als sein Patient wieder aufs Spielfeld wollte. „Ich war erstaunt, als er gesagt hat, dass es geht. Andere würden da rumjammern“, erzählte Gerd-Ulrich Schmidt. Eine Woche ist es her, dass Immanuel McElroy im ersten Viertel des ersten Play-off-Viertelfinals gegen die Eisbären Bremerhaven mit einer Bänderdehnung im linken Sprunggelenk vom Feld humpelte. Der Schreck war groß – und kurz. Ein paar Minuten stürzte der Amerikaner sich wieder in den Kampf. „Er ist ein Sonderfall“, sagte Schmidt, „er lehnt schmerzstillende Mittel ab, du musst ihn schon nötigen.“

Der 28-Jährige biss sich in den letzten Tagen nicht nur durch, er brillierte. In der Verteidigung, so wie er es schon die gesamte Saison tut. Zum zweiten Mal in Folge wählten Trainer und Fachjournalisten ihn zum besten Verteidiger der Liga. Aber auch im Angriff, so wie nie zuvor, seit er im Februar von den Köln 99ers zu Alba Berlin wechselte. Beim 95:73-Sieg am Dienstagabend, mit dem Alba ins Play-off-Halbfinale einzog, war er mit 23 Punkten Topscorer. Die Verletzung blendete er aus. „Es tut noch weh“, sagte er nach dem erneuten Sturmlauf lapidar, „aber ich denke nicht wirklich darüber nach. Das sind die Play-offs. Ich gehe raus aufs Feld und helfe dem Team.“ Was so simpel und selbstverständlich klingt, ist für Marco Baldi „eine Charakterfrage“. Ein anderer „würde gar nicht mehr spielen“, hatte Alba Berlins Geschäftsführer nach Spiel eins gesagt.

McElroy aber spielte mehr denn je. In den vergangenen Monaten hatte er sich daran gewöhnen müssen, dass er, anders als in Köln, von der Bank kam und weniger Spielzeit erhielt. Andere standen im Blickpunkt, er war nach eigener Einschätzung nicht mehr „der wichtigste Mann“. Doch nach dem Rauswurf von Dijon Thompson vor zwei Wochen rückte er in Albas Startaufstellung – und war in allen drei Viertelfinalspielen trotz Verletzung der Mann bei Alba, der am längsten spielte, zwischen 30 und 37 Minuten. 49 Punkte hat er in den Play-offs bisher gemacht und 17 Rebounds geholt. Er punktete am Dienstag per Dunking, vor allem aber warf er sechsmal, als er mindestens 6,20 Meter vom Korb entfernt war, fünfmal flog der Ball durch den Ring. „Vor den Play-offs hat er 20 Prozent seiner Distanzwürfe getroffen, jetzt sind es mehr als 50 Prozent“, sagte Bremerhavens Trainer Sarunas Sakalauskas, als er das Scheitern seines Teams analysierte. „Nicht das Training ist da entscheidend, sondern der Kopf, das Selbstbewusstsein, der Charakter.“

Auch in Köln hatte McElroy sich als Distanzschütze einen Namen gemacht, 2006 traf er im dritten Finalspiel in Berlin in letzter Sekunde mit einem Dreier zum Sieg, wenige Tage später war Köln Deutscher Meister. In Berlin verwandelte er in 17 Hauptrundenspielen nur fünf von 27 Dreipunktewürfen, in den Play-offs waren es bislang acht von zwölf. „Es ist normal, dass er trifft“, sagt sein Teamkollege Goran Nikolic, „das kennen wir aus dem Training.“ Für Immanuel McElroy, einen Mann weniger Worte und weniger Gefühlsausbrüche, ist Basketball ganz einfach. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, erklärte er am Dienstagabend den Grund für seine und Albas starke Leistungen. Das Geheimnis seiner Dreier? „Meine Teamkollegen spielen mich an, und dann gehen die Dreier rein“, nuschelte er. Man müsse im Training nur immer weiter werfen, „egal, ob man trifft oder nicht“.

Hat sich seit dem enttäuschenden Auftritt in der Pokalendrunde Anfang Mai, wo Alba nur Vierter wurde, etwas grundlegend geändert? „Nein. Wir konzentrieren uns und gehen aggressiv aufs Feld.“ Der nächste Einsatz steht am kommenden Dienstag im ersten Halbfinalspiel an. Bis dahin wird geruht und trainiert. Und Albas Physiotherapeuten nehmen sich Immanuel McElroys Fuß an. Daran kommt selbst der Amerikaner nicht vorbei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben