Alte Bekannte im Berliner Fußball (2) : Spandauer SV: Wenn die Liebe mitspielt

Im Frühjahr 2010 stand der Spandauer SV vor dem Aus - dann kamen die Alten Herren des Klubs und retteten den ehemaligen Zweitligisten.

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Tor für Gütersloh. Auch Heribert Bruchhagen (mitte) traf einst gegen den Spandauer SV. Foto: imago
Tor für Gütersloh. Auch Heribert Bruchhagen (mitte) traf einst gegen den Spandauer SV.Foto: imago

Ein Laufduell? Mit einem Gegenspieler, der 35 Jahre jünger, voll durchtrainiert und hochmotiviert ist? Diese Blöße wollte sich Frank-Michael Marczewski nicht geben. Also machte er das, was er trotz seiner 56 Jahre immer noch gut konnte: passen. Marczewski gab den Ball schnell ab, sobald einer in vollem Tempo herangestürmt kam. Was sollte er auch anderes machen? Mehr als Schadensbegrenzung war eh nicht drin.

Im Frühjahr 2010 stand der Spandauer SV kurz vor dem Aus. Schulden im sechsstelligen Bereich drückten den Verein, der zu diesem Zeitpunkt in der sechsten Liga spielte. Die Berlin-Liga ist Berlins höchste Spielklasse, in der Regel wird dort vier Mal pro Woche trainiert, die Spieler erhalten mindestens eine dreistellige Aufwandsentschädigung. Der SSV war aber schon lange zahlungsunfähig, Spieler flüchteten. Diejenigen, die vertraglich bis zum Saisonende gebunden waren und nicht abhauen konnten, kamen einfach nicht mehr. Irgendwann fanden sich vor den Spielen nur noch sechs Spieler ein. Um trotzdem antreten zu können, wurde die Mannschaft mit Spielern aus dem Reserveteam und den Alten Herren aufgefüllt. Spielern wie Frank-Michael Marczewski. „Das war ein Tiefpunkt“, sagt Marczewski. „Wir Alten haben das nur aus Liebe zum Verein gemacht. Sportlich war es eine Farce.“ Hätte der Spandauer SV mehrere Male in Folge wegen Spielermangels nicht antreten können, wäre er vom Berliner Fußball-Verband (BFV) zur kommenden Saison in die niedrigste Spielklasse gestuft worden. Ein totaler Neuanfang, das wollte niemand, auch Marczewski nicht. Also halfen er und seine Kumpels noch zwei Monate aus. Dass die Spiele oft 0:6 oder 1:7 ausgingen – geschenkt. Der SSV stieg am Ende nur eine und nicht mehrere Spielklassen ab, dank des Einsatzes der Alten.


Es gab mal eine Zeit, da war auch Frank-Michael Marczewski jung, durchtrainiert und hochmotiviert. Letzteres mehr noch als die Spieler der Berlin-Liga. Marczewski war 1975 Mitglied jener Spandauer Mannschaft, die eine kleine Sensation schaffte: den Aufstieg in die Zweite Liga. Damals gab es noch zwei Staffeln, Nord und Süd. Spandau wurde in die Nord-Staffel eingegliedert. „Die Berliner Meisterschaft war schon eine Überraschung, aber dass wir uns auch noch in den Aufstiegsspielen gegen Westfalia Herne und den VfB Oldenburg durchsetzen konnten, damit hatte niemand gerechnet“, sagt Marczewski.


Auf die Freude folgte schnell Ernüchterung. Am ersten Spieltag der Saison 1975/76 gab es gegen den Mitaufsteiger Union Solingen gleich eine 2:7–Packung, eine Woche später folgte ein 0:7 bei Preußen Münster. „Da wussten wir, dass wir in dieser Liga nichts zu suchen hatten“, sagt Marczewski. Am Ende stieg der Spandauer SV mit nur zwei Siegen gleich wieder ab – in der ewigen Tabelle der Zweiten Liga belegt der Klub den letzten Platz.

Trotzdem war die Saison irgendwie auch ein Erfolg, so hoch spielte der SSV nie wieder. Mit der Zeit versank der Klub in der Bedeutungslosigkeit, vergangene Saison trat man nur noch in der neunten Liga, der Bezirksliga, an. Dort wurde aber sofort der Aufstieg in die Landesliga geschafft. „Wir haben wieder Ruhe in den Verein bekommen“, sagt Günter Vogt, der Vorstandsvorsitzende. „Und Geld geben wir nur noch so viel aus, wie wir auch haben.“
Die Zeiten, in denen Alte Herren bei der ersten Mannschaft aushelfen mussten, sollen sich möglichst nicht mehr wiederholen.

Mit Hertha BSC und dem 1.FC Union sind derzeit nur zwei Berliner Vereine im großen Fußball vertreten. Das war nicht immer so. Wir blicken in einer Serie auf Berliner Klubs mit ruhmreicher Vergangenheit und beschreiben ihre Gegenwart.

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