Berlin-Sport : Aus Erfahrung gut

Der Regionalliga-Absteiger 1. FC Union verstärkt sich mit drei Routiniers und peilt mit einem Etat von 1, 6 Millionen den sofortigen Wiederaufstieg an

Karsten Doneck

Berlin - Die Frage klang etwas gehässig. Da hatte der 1. FC Union also Jörg Schwanke, einen der früheren Publikumslieblinge, zur nächsten Saison an die Alte Försterei zurückgeholt, und im Fanforum des Vereins stänkerte sogleich einer: „Schwanke – wie viele Rentner vertragen wir?“ Jörg Schwanke hat seine beste Zeit Anfang bis Mitte der Neunzigerjahre erlebt, als er für den VfL Bochum 59-mal in der Bundesliga kickte. Zuletzt ging es bei ihm schon etwas betulicher zu: Bei Babelsberg 03 in der Oberliga lief er im Mittelfeld auf und ab. Schwanke ist dabei nicht jünger geworden: Während der nächsten Saison, exakt am 12. Januar 2007, wird er 37 Jahre alt.

Der 1. FC Union, in dieser Saison kläglich aus der Fußball-Regionalliga abgestiegen, plant für die Viertklassigkeit. Der Klub kennt nur ein Ziel: sofortiger Wiederaufstieg. Für das ehrgeizige Vorhaben scheute man sich nicht, auch ältere Spieler nach Köpenick zu locken. Neben Schwanke kamen noch Torjäger Daniel Teixeira, 37, und Ex-Europameister Jörg Heinrich, 35. Diese Einkaufspolitik löste im Umfeld Unions Irritationen aus. Der Hauptvorwurf lautet: Die Verpflichtung solcher Routiniers zeuge von kurzfristiger Sichtweise. Es seien Führungsspieler geholt worden, die schon in der übernächsten Saison altersbedingt wieder ausgetauscht werden müssten, ein erneuter Umbruch im Kader sei die Folge. Ein kontinuierlicher Aufbau mit langsam wachsenden Hierarchien innerhalb der Mannschaft sei so nicht möglich.

Solche Kritik lässt Frank Lieberam, der Trainer, nicht gelten. Da ist zum Beispiel Jörg Heinrich, zuletzt Ludwigsfelder FC. „Ich bin froh, solch einen Mann im Kader zu haben. Er besitzt ein riesiges Potenzial und bringt den nötigen Biss mit“, sagt Lieberam. Auch Dirk Zingler, der Präsident, will von einer Überalterung des Kaders nichts wissen: „Wir haben – Tom Persich noch mitgerechnet – gerade mal vier Spieler bei uns im Kader, die über 30 sind. Man braucht solche Typen, um Erfolg zu haben.“ Die Routiniers sollen bei Union aber nicht nur Tore schießen oder verhindern, sie haben auch eine pädagogische Aufgabe. „Sie sollen den jüngeren Spielern von ihrer Erfahrung etwas abgeben. Um neue Führungsspieler auszubilden, braucht man Lehrmeister“, sagt Zingler.

Sebastian Bönig, 23, ist einer dieser Hoffnungsträger. „Er übernimmt Verantwortung und kann bei uns weiter reifen“, sagt Lieberam. Den Reifungsprozess sollen, so der Plan, ein Schwanke oder Heinrich nach Kräften unterstützen. „Sicher ist das alles nicht einfach unter einen Hut zu bringen, aber das ist für einen Trainer bestimmt auch eine große Herausforderung“, sagt Lars Töffling, Unions Pressesprecher. Dass Union Ausschau nach reiferen Spielern hält, hatte sich schon während der abgelaufenen Saison angedeutet. Ziemlich unverblümt hatte da Dirk Zingler seinen Vorgängern zum Vorwurf gemacht: „Es sind Fehler bei der Zusammenstellung des Kaders gemacht worden. Wir hätten mehr auf erfahrene Leute setzen müssen.“

Um Union wieder voranzubringen und Heinrich und Co. zu finanzieren, greifen die Sponsoren tief in die Tasche. 1,6 Millionen Euro umfasst der Saisonetat. Zumindest vom Haushaltsvolumen her wird der Klub damit in der Oberliga einsamer Spitzenreiter sein. Dieser Kraftakt wurde nur möglich, weil mit dem Hauptgläubiger, dem Medienunternehmer Michael Kölmel, kürzlich ein Stillhalteabkommen vereinbart wurde. Mit rund zehn Millionen Euro hat Kölmel Union inzwischen bezuschusst, doch bis 2010 werden weder Rückzahlungen noch Zinsen für diese Summe fällig.

Union sucht jetzt noch einen Mittelfeldregisseur, „die klassische Nummer 10“, wie Zingler sagt. Erste Wahl ist Markus Zschiesche vom MSV Neuruppin. Die Union-Fans brauchen sich um eine weitere Anhebung des Durchschnittsalters indes keine Sorgen zu machen: Zschiesche ist gerade mal 23 Jahre jung.

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