Berlin Volleys im Finale : Scott Touzinsky - der Fast-Vollendete

Doppelte Feier: Geburtstagskind Scott Touzinsky will die Berlin Recycling Volleys am Sonntag in Unterhaching zum deutschen Meistertitel führen.

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Nah am Ziel. Scott Touzinsky (Mitte) und die Berlin Volleys bestreiten heute das entscheidende Meisterschaftsspiel.
Nah am Ziel. Scott Touzinsky (Mitte) und die Berlin Volleys bestreiten heute das entscheidende Meisterschaftsspiel.Foto: dpa

Scott Touzinsky stand fünf Meter hinter dem Netz, er ragte aus der Menge, die ihn umringte, wie eine junge Tanne im Feld von Setzlingen. Touzinsky ist zwei Meter groß, ein schlaksiger Kerl. Auf der Tribüne strömten die Zuschauer langsam zum Ausgang, ein paar von ihnen standen jetzt aber auch auf dem Feld. Es war fünf Minuten nach dem denkwürdigen 3:0-Heimsieg der BR Volleys gegen Haching, das zweite 3:0 in der Schmeling-Halle im Finale um die deutsche Volleyball-Meisterschaft.

Außenangreifer Touzinsky redete über das Spiel, über die Fans, über die eigene Mannschaft. Aber irgendwann sagte er auch: „Für mich war es ein ganz wichtiges Spiel.“ Ein fast gemurmelter Satz, aber einer mit enormer Bedeutung.

Der Satz war an viele gerichtet. An seine Mitspieler, an die Fans, an Volleys-Manager Kaweh Niroomand und Volleys-Trainer Merk Lebedew. Aber vor allem hatte ihn der 29-Jährige an sich selber gerichtet. Scott Touzinsky aus St. Louis, Mississippi, ist wieder im Reinen mit sich. Er hat gezeigt, dass er doch ein sehr guter Volleyballer ist. Das bedeutete dieser Satz. Am Sonntag spielt der US-Amerikaner mit den Volleys in Unterhaching, es ist das fünfte, das entscheidende Finalspiel (15.30 Uhr, live im Internet unter www.volleyball-bundesliga.de/finale). Wenn die Volleys gewinnen, sind sie Deutscher Meister. Offiziell ist Touzinsky dann am Ziel. „Mein Job ist es, den Titel nach Berlin zu holen“, hatte er erklärt, als er im Winter den Vertrag unterschrieb. Aber am Ziel ist er schon seit dem Heimspiel am vergangenen Dienstag.

Die Bandage an seinem linken Bein ist dabei das größte Symbol seines Erfolgs. Seit dem Halbfinale ist er am Meniskus verletzt, aber Touzinsky greift so aggressiv an wie es die Schmerzen zulassen, er ist sehr gut in der Annahme, er gibt den Leader auf dem Feld. In der vergangenen Saison war er auch verletzt, damals an der Schulter, aber da war er in den Play-offs nur eine Durchschnittsgröße. Danach schickte ihn Niroomand mit bedauernden Worten weg.

Deshalb kehrte der Olympiasieger aus den USA nach Berlin zurück. Es ging um die Ehre und sein Image. „Ich sehe meine Rückkehr als Möglichkeit, meinen Job zu vollenden“, sagte er bei seiner Rückkehr. Nächste Woche wird Niroomand wieder mit ihm reden, aber diesmal über einen neuen Vertrag. „Er ist ein wertvoller Spieler“, sagt der Manager. „Er ist trotz seiner Verletzung sehr stabil in der Annahme, stark in der Abwehr und unglaublich wichtig für den Zusammenhalt der Mannschaft.“ Touzinsky muntert auf dem Feld selbst noch Spieler auf, die gerade auf die Ersatzbank gewechselt sind. „Scott ist wie Pattex“, sagt Niroomand und zeichnet mit dem Zeigefinger einen Kreis in die Luft. „Er hält die Mannschaft zusammen.“

Viele Sprüche von Touzinsky gehören zur Rubrik „Floskeln von Siegertypen“, trotzdem wirkt es inzwischen so, als habe er zum Projekt Volleys eine besondere emotionale Beziehung entwickelt. Er ist Profi, er kann verhandeln wie ein abgebrühter Verkäufer auf dem türkischen Markt, aber er, der schon fast überall gespielt hat, redet jetzt auch wie ein Vereinsstratege. 7381 Fans am Dienstag in der Schmeling-Halle, 4215 Zuschauer im Schnitt pro Volleys-Heimspiel, mehr als 65.000 in der gesamten Bundesliga-Saison; Touzinsky rattert die Zahlen runter, jede einzelne ist für ihn ein Argument für mehr mediale Volleyball-Präsenz in Deutschland. Das Projekt Volleys bedeutet schließlich auch eine Lokomotivfunktion für die ganze Sportart, und Touzinsky tritt auf, als wäre er der Lokführer. „Ich wünschte mir, viele Vereine in Deutschland würden den Weg gehen, den die Volleys gehen“, sagt er. Einen Wunsch liefert er gleich mit, den nämlich, „dass diese Liga eine Partnerschaft mit einem Fernsehsender erhält“.

Einen Traum hat er auch noch. Den hatte er im Winter formuliert, kurz nach seiner Rückkehr: „Ich möchte hier meine Karriere beenden, das wäre ein Traum.“ Diese Stadt, dieser Verein, diese Atmosphäre, man könnte ein Poesiealbum mit seinen Schwärmereien füllen. Die Liebeserklärung war natürlich eine Mischung aus Taktik und Wahrheit. Die Sätze gingen natürlich auch an Manager Niroomand, erste Signale für spätere Verhandlungen.

Aber solche Spielchen hat er längst nicht mehr nötig, niemand will ihn wegschicken. Spätestens seit dem Play-off-Halbfinale ist alles eine Frage der Honorarforderungen. Aber vorher hat Touzinsky andere Sorgen. Nach dem bitteren 0:3 gegen Haching im ersten Finalspiel, da stiefelte er auf den frustrierten Niroomand zu und sagte wie eine Mutter, die ihren weinenden Sohn tröstet: „Mach dir keine Sorgen, ich bin hier, ich habe hier einen Auftrag.“ Wir holen den Titel trotzdem, sollte das heißen.

Wenn ihm das gelingt, hat Scott Touzinsky gleich zwei Gründe, um zu feiern. Am Sonntag wird er 30 Jahre alt.

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