Berliner Fußball : Türkiyemspor setzt auf den Pokal

Über den Berliner-Pilsner-Pokal kann der Noch-Regionalligist Türkiyemspor eine verkorkste Saison noch zum Guten wenden. Das Halbfinale gegen Dynamo verspricht nicht nur deswegen Spannung.

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Ein Logo mit Vergangenheit, aber bis auf weiteres ohne Zukunft.
Ein Logo mit Vergangenheit, aber bis auf weiteres ohne Zukunft.Foto: PROMO

Wie lange Cemal Can schon bei Türkiyemspor ist? „Schon immer“, antwortet der 32-Jährige und grinst. Geboren ist er 1978, im Gründungsjahr des Kreuzberger Klubs, bei dem er zunächst die Jugendmannschaften durchlief und später auch bei den Erwachsenen erfolgreich kickte. Auch wenn er 2007 den Verein als Spieler verließ, bei anderen Berliner Klubs anheuerte und seine aktive Karriere zuletzt in der Bezirksliga bei Hellas Nordwest ausklingen ließ, so ist er Türkiyemspor doch immer treu geblieben. Seit Oktober vergangenen Jahres nun ist er sportlicher Leiter und Teil des neu formierten Vorstands. 

Und doch merkt man ihm die Verbundenheit nicht sofort an, wenn er in knappen Sätzen erzählt, von der Geschichte des Kiezklubs, von den Erfolgen vergangener Tage und der aktuell „schlimmsten Krise in der Vereinsgeschichte“. Eine Krise, in der drei Vorstandswechsel innerhalb von weniger als einem Jahr, eine in letzter Sekunde abgewendete Insolvenz und ein sportlicher Absturz aus der Regionalliga mit bislang fünf Punkten aus 32 Spielen zu Buche stehen. Trotzdem könnte die Saison sich noch zum Guten wenden, dem lukrativen Berliner Pokalwettbewerb sei Dank. Am Mittwoch steigt das Halbfinale beim BFC Dynamo im Sportforum Hohenschönhausen (Beginn 18:30), dem Sieger winkt das Endspiel am 8.Juni als haushoher Favorit gegen den Gewinner des zweiten Halbfinals zwischen Stern 1900 und VSG Altglienicke. 

Als Türkiyemspor 2001 zum letzten Mal im Berliner Pokalfinale stand war Cemal Can selbst mit von der Partie. Im damals Aufsehen erregenden Duell zweier Migrantenklubs musste der großgewachsene Verteidiger eine bittere 2:1- Niederlage gegen den zwei Ligen tiefer spielenden SV Yesilyurt einstecken. Natürlich will Can die Chance in diesem Jahr erneut ergreifen und den vor allem finanziell äußerst reizvollen Pokalsieg feiern. „Der Abstieg in der Liga hat sich schon so lange angedeutet, dass wir seit Monaten die Priorität auf den Pokalwettbewerb gesetzt haben“, erzählt der 32-jährige. Knapp 100.000 Euro Prämie bringt der Titel und die damit verbundene Teilnahme am DFB-Pokal, wo dann weitere Einnahmen in ungeahnten Größenordnungen möglich sind.  

Einnahmen, die der Verein gut gebrauchen könnte, denn die Ambitionen sind nach wie vor ungebrochen. Seit der abgewendeten Insolvenz und der Umstrukturierung in der Führungsebene im Oktober herrscht einigermaßen Ruhe, seitdem laufen die Planungen für den Neuanfang. „Wir haben jetzt die richtige Mischung im Verein: Einen jungen, ambitionierten Vorstand und einen älteren, sehr erfahrenen Aufsichtsrat als Ausgleich. Wir sind so gut aufgestellt wie seit 10 Jahren nicht mehr und planen alle eine sehr lange Amtszeit“ erzählt Can. Der erste Schritt soll im nächsten Jahr der sofortige Wiederaufstieg in die Regionalliga mit einer jungen Mannschaft sein.

Eine ganz wichtige Komponente sitzt dabei seit kurzem wieder auf der Trainerbank: Bahman Foroutan, der sich erst vor kurzem vom Oberliga-Spitzenklub BAK 07 trennte. Türkiyemspor und Foroutan, das hat eine kleine, aber sehr erfolgreiche Vorgeschichte. Gegen Ende der letzten Saison übernahm der Iraner den Klub auf einem Abstiegsplatz in der Regionalliga Nord, holte aus drei Spielen neun Punkte und schaffte so noch sensationell den Klassenerhalt. Doch es sollte ein kurzes Intermezzo bleiben, im Sommer gab es Querelen mit dem damaligen Vorstand, Foroutan wanderte ab zum BAK.  Es waren bis heute die letzten Liga-Siege für die Kreuzberger, der kauzige Trainer rechnet stolz vor: „Von den letzten 54 Spielen hat Türkiyem nur drei gewonnen, die waren alle mit mir.“ Jetzt also ist der 64-jährige zurück, für ihn auch eine Herzensangelegenheit. „Ich bin gekommen, um Türkiyemspor zu helfen, schon im letzten Jahr bin ich eher unfreiwillig gegangen. Jetzt aber bin ich überzeugt, dass hier Seriosität und Glaubwürdigkeit herrscht, das ist für mich das Wichtigste“, so Foroutan.

Am Mittwoch beim BFC Dynamo könnte es für die Kreuzberger keinen besser geeigneten Mann auf der Trainerbank geben, schließlich hat Foroutan in dieser Spielzeit mit dem BAK schon dreimal gegen Dynamo gespielt. Erst im März scheiterte der 64-jährige im Pokal-Achtelfinale mit seiner Mannschaft an den Hohenschönhausenern, wohl einer der Gründe für sein vorzeitiges Aus beim Verein aus dem Poststadion. Nun also hat der Coach, früher als erhofft, die Möglichkeit zur Revanche. Die Favoritenrolle weist der 64-jährige aber mit der für ihn typischen Bescheidenheit von sich. „Dynamo  hat gerade fünfmal in Folge gewonnen, ist gut in Form, hat Heimvorteil. Wir sind der Außenseiter und gehen da hin, um nicht zu verlieren“.

Sein Sportdirektor sieht das anders. „Wir sind das höherklassige Team, das sagt eigentlich alles. Wir sind der Favorit und wollen den Pokal.“ Es wäre der erste für Türkiyemspor seit 20 Jahren. Damals dominierten die Kreuzberger diesen Wettbewerb, standen zwischen 1988 und 1991 vier Mal im Endspiel, drei davon gewannen sie. Auch Cemal Can war natürlich mit dabei, als Jugendspieler und Fan. „ Da war ich aber noch klein, so gut kann ich mich nicht mehr daran erinnern“, sagt er und grinst.

Das Halbfinale im Berliner-Pilsner-Pokal am 18.05:

BFC Dynamo - Türkiyemspor (18:30 Sportforum Hohenschönhausen)

Stern 1900 - VSG Altglienicke (20:00 Kreuznacher Straße)

Das Finale findet am 8. Juni im Jahn-Sportpark statt.

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