Berlin-Sport : Der Kick auf den Kissen

In Hoppegarten fand am Wochenende die Weltmeisterschaft im Hovercraft statt – für die Piloten ist es ein genauso abenteuerlicher wie gefährlicher Spaß

Stephanie Souron

Der Tag ist perfekt für ein Rennen. Über der Pferderennbahn schiebt sich die Sonne durch die Wolkendecke und auf dem See in der Mitte kräuselt sich das Wasser. Klaus Bönighausen schließt die Augen, atmet einmal tief durch und zieht an dem Griff am Motor. Eine halbe Sekunde lang passiert gar nichts, dann jaulen 170 PS auf. Unter dem Hovercraft-Boot füllen sich die Kammern mit Luft. Bönighausen drückt auf den kleinen Hebel am Lenker, der wie eine Handbremse vom Fahrrad aussieht, aber in Wirklichkeit das Gaspedal ist. Der Ventilator am Heck röhrt, ein paar Grashalme spritzen unter dem Boot hervor. Bönighausen drückt noch einmal auf den Hebel, dann rauscht das Hovercraft davon.

Man muss vom Wahn besessen sein, und Sprüche von Vorsicht sind nur ein Klotz am Bein.

Die WM im Hovercraft finden auf dem einzigen dauerhaften Parcours der Welt statt, und der liegt im Inneren der Pferderennbahn in Hoppegarten. 1330 Meter ist er lang, mit zwei Wassergräben dazwischen. Bei der WM am Sonntag starteten 152 Luftkissenboote, in der Formel 1 siegte Michael Metzner aus Bamberg.

Bönighausen sagt, alle Fahrer würden die Strecke mögen, weil sie technisch sehr anspruchsvoll sei und keine Fehler verzeihe. „Der kleinste Patzer, und du fliegst direkt aus der Schikane raus.“ Jemand von den Organisatoren hat mit Kuli den Kurs auf ein Stück Papier gekritzelt, zur Orientierung. An manchen Stellen sind Pfeile eingezeichnet, das sind die „neuralgischen Punkte“ der Strecke. Dort dürfen auf keinen Fall Menschen stehen, weil die Luftkissenboote hier sehr leicht abschmieren. Es sind sehr viele Pfeile für einen 1330 Meter langen Kurs.

Ins Ziel zu kommen, reine Hysterie. Kein Mensch lebt ewig, jetzt oder nie.

Bönighausen trägt einen blauen Overall mit bunten Werbelogos, seine Haare sind frisch geschnitten und er guckt ernst. Er fährt Hovercraft seit er 18 Jahre alt ist, mittlerweile ist er 30, und was damals als Hobby angefangen hat, ist jetzt „50 Prozent von meinem Leben“. Er wurde in diesem Jahr Deutscher Meister und Zweiter bei den Europameisterschaften, und ist weltweit der einzige Fahrer, der sein Boot von einem Sponsor bezahlt bekommt. 25 000 Euro kostet ein Hoverkraft-Vehikel in der Formel 1, Benzinverbrauch 60 Liter pro Stunde, und wenn der Ventilator im Heck voll beschleunigt wird, fährt die Maschine bis zu 180 Kilometer. „Schneller geht nicht, sonst würden die Hovercrafts wie Flugzeuge abheben“, sagt Bönighausen. Wenn man oben auf der Tribüne steht und auf die Rennen schaut, dann sieht alles so einfach aus wie in einem Computerspiel. Aber dann fällt einem der Krankenwagen direkt an der Strecke auf, und dann denkt man wieder an die Pfeile auf dem Papier und daran, dass man vor einer halben Stunde einen Zettel unterschrieben hat, auf dem steht, dass man im Falle eines Unfalls auf Haftansprüche verzichtet.

Kein Deal mit dem Teufel, der deine Angst vertreibt, wenn du beim Rennen auf der Strecke bleibst.

Es gibt Augenblicke, da hat selbst Bönighausen Angst, obwohl er sagt, das Beste am Hovercraft sei der Adrenalin-Kick im Rennen. Die Europameisterschaft fand in diesem Jahr in Toulouse statt, auf offenem Wasser. Da hat es ihn erwischt. Ein Windstoß hat sein Boot seitlich weggedrückt, er hat sich überschlagen und war plötzlich unter Wasser, über ihm das Hovercraft. Die Rettungswache hat ihn schließlich an Land geschleppt. Im nächsten Rennen habe er noch daran gedacht, dann war der Vorfall wieder vergessen. „Man muss die Angst einfach abschalten“, sagt Bönighausen, „sonst kann man hier nicht mithalten.“

Den Mut zu finden, der Unbeugsame zu sein – um am Ende immer weiterzufahren.

Für die WM in Hoppegarten wurde eine Hovercraft-Hymne komponiert, die dröhnt vor dem Start aus den Lautsprechern. In den Strophen geht es darum, wie viel Mut ein Fahrer haben muss, aber der Refrain geht so: It feels like flying, so easy and so free. No worries and no sorrows over water to the trees. Bönighausen sagt, er findet das Lied nicht so toll, weil es zu sehr nach Wolfgang Petry klingt. Aber der Refrain, der sei schon ganz gut. „Hovercraft ist fast wie Fliegen“, sagt er. Und fügt hinzu, dass er es toll findet, mit seinem Fahrzeug über Land und Wasser schweben zu können. Dann hält er kurz inne. „Aber einfach?“ Nein, einfach sei Hovercraft nun wirklich nicht.

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