Berlin-Sport : Die Straßenbahn-Bundesliga

In der Hallenrunde-Ost stammen fünf von sechs Hockey-Mannschaften aus Berlin

Ingo Schmidt-Tychsen

Ralf Malitte bekommt einen Pass. Anstatt den Ball anzunehmen, leitet der Stürmer ihn direkt zu Michael Nagel weiter. Auch Nagel nimmt den Ball nicht an, sondern schießt sofort. Tor! Die 300 Zuschauer in der Kiriat-Bialik-Sporthalle in Lankwitz sind außer sich. Auch dank Nagels schönem Treffer besiegte TuS Lichterfelde den Berliner Hockey-Club am zweiten Bundesliga-Spieltag gestern Nachmittag 9:8 (3:3).

„Das war ein ganz wichtiger Schritt in Richtung Viertelfinale“, sagte der Lichterfelder Trainer Thorben Wegener. „BHC wird wahrscheinlich unser stärkster Konkurrent auf Platz zwei.“ BHC? Platz zwei in der Hallen-Bundesliga? Das passte bisher nicht zusammen. In den letzten Jahren war der BHC stets die Nummer eins. In dieser Saison ist einiges anders. Die Zehlendorfer Wespen sind klarer Favorit auf den Sieg in der Bundesligagruppe Ost. Zehlendorf hat starke Neuzugänge, darunter der Nationalspieler Max Kling von Schwarz Weiß Neuss, den BHC haben viele Leistungsträger verlassen. „Wir wollen mindestens ins Viertelfinale“, sagt Nationalspieler Florian Keller von den Wespen.

Noch vor einer Woche bewahrte Keller die deutsche Nationalmannschaft bei der Champions-Trophy in Lahore mit seinen zwei Toren beim 2:1-Sieg gegen Neuseeland vor dem Abstieg. In Pakistan spielte Keller allerdings Feldhockey, also auf Kunstrasen. Vor dem Bundesligastart mit den Zehlendorfer Wesepen am Samstag konnte er nur zweimal in der Halle trainieren. „Dafür lief es schon erstaunlich gut“, sagt Keller. Seine Wespen gewannen ihr Auftaktspiel gegen den Aufsteiger Mariendorfer Hockey-Club 9:6. Gestern besiegte Zehlendorf den SC Charlottenburg 6:5 (1:1).

„Wir sind so stark, dass die Hamburger Mannschaften der Bundesliga-Gruppe Nord Angst davor haben, Zweiter zu werden“, sagt Keller. Im Viertelfinale trifft der Zweite aus dem Norden auf den Gruppensieger aus dem Osten. Statt Osten und Norden könnte man auch sagen: Berlin und Hamburg. In der Gruppe Nord spielen ausschließlich Hamburger Mannschaften, in der Gruppe Ost sind außer dem Osternienburger HC nur Berliner Teams. „Straßenbahn-Liga“, nennt Horst Buhr die Hallen-Bundesliga deshalb. Seit acht Jahren ist sie in vier Staffeln unterteilt, um Reisekosten einzusparen. „Bundesliga kann man das eigentlich gar nicht nennen“, sagt der Teammanager vom BHC. Horst Buhr glaubt, dass man Hallenhockey wesentlich besser vermarkten könnte.

Durch schnelle Spielzüge, viele Tore und weil die Zuschauer sehr nah am Geschehen sind, ist es aufregender für die Fans als Feldhockey. Zu einem Bundesligaspiel wie dem zwischen TuS Lichterfelde und dem Berliner Hockey-Club wären auf dem Feld ungefähr 150 Zuschauer gekommen. Die 300 beim gestrigen Spiel waren ein Erfolg. Hallenhockey zieht vergleichsweise viele Zuschauer an. Das Problem: Hallenhockey ist nicht olympisch und bekommt deshalb keine Fördergelder vom Landessportbund.

„Beim Deutschen Hockey-Bund wird nicht genug riskiert“, sagt Horst Buhr. Durch die vielen Lokalderbys verliere Hallenhockey seinen Reiz. Horst Buhr schlägt vor, die Bundesliga wieder zusammenzuführen. Um Reisekosten zu sparen, könne man vier Wochenenden veranstalten, an denen jede Mannschaft gleich mehrmals spielt. „Die könnten zentral vermarktet werden“, sagt Horst Buhr. „Da wären die Hallen voll.“ In den Siebzigerjahren funktionierte die Hallen-Bundesliga ähnlich: 3000 Zuschauer waren damals keine Seltenheit.

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