Berlin-Sport : Die Tradition bleibt in der Familie

Tennis Borussia kämpft als Oberligist ums finanzielle Überleben – und hat sportlich wieder Erfolg

Karsten Doneck

Stühle und Tische waren besetzt, also hatte sich Familie Wernicke einfach auf den Fußboden gesetzt, mit dem Rücken zur Wand. Dort lauschte sie den Worten, die Hagen Liebing im VIP-Raum des Mommsenstadions von sich gab. Liebing, Pressesprecher beim Fußball-Oberligisten Tennis Borussia, dankte der Familie Wernicke artig für das mitgebrachte Riesen-Kuchentablett, und als er ankündigte, sich dafür revanchieren zu wollen, wurden die Kinder der Familie ein bisschen zappelig. TeBe schenkte den Wernickes einen Fußball mit allen Unterschriften der Spieler. Das freundliche Geben und Nehmen zwischen TeBe und der insgesamt neunköpfigen Familie aus Zietzow geht zurück auf die vorige Saison, als der Verein mal – auf einen Tipp des Wirts vom Stadioncasino hin – die Wernickes zu einem TeBe-Spiel als Gäste einlud. Ganz spontan, einfach so.

Das Thema Familie griff nach dem souverän herausgespielten 4:1 (3:0)-Sieg der Tennis Borussen am Freitagabend gegen Optik Rathenow auch der Vorstandsvorsitzende Peter Antony auf. „Wir sind ein Familienbetrieb“, sagte der Hoteldirektor, „bei uns geht alles sehr familiär zu.“ Derlei Beschaulichkeit in Ehren, aber jede Familie benötigt nun mal Geld, um zu überleben. Tennis Borussia plant die Saison mit einem Etat von 380 000 Euro. Ein Haushalt, der sehr eng gestrickt ist. „Wir sind knapp bei Kasse“, gibt Antony zu.

Vorbei sind die Zeiten, als der Finanzdienstleister Göttinger Gruppe in Dagobert-Duck-Manier das Geld in den Verein hineinschaufelte. Rund 70 Millionen Mark sollen da in ein paar Jahren verpulvert worden sein. Jetzt ist TeBe schon dankbar, wenn Gemüsehändler Peter Stark, früher Profi bei Blau-Weiß 90, mal wieder vorbeischaut und für die Busfahrten zu Auswärtsspielen kostenlos eine Kiste Obst ablädt.

Sportlich ist die TeBe-Familie durchaus intakt. Nicht zuletzt dank Theo Gries. Der ehemalige Hertha-Profi, der es in erster und zweiter Liga auf 112 Einsätze mit 43 Toren brachte, war einst ein Spieler, wie ihn sich die Trainer wünschen: immer ehrgeizig, immer hochmotiviert. Diese Haltung versucht Gries nun seinen Spielern zu vermitteln. Der 43-Jährige sagt: „Wir müssen eine Siegermentalität entwickeln, meine Spieler sollen Spaß am Erfolg haben, der Schlendrian muss raus, der sich ab und zu mal einstellt.“ Das klappt bislang: TeBe ist in der Oberliga vorne dabei, am Freitag folgt das Spitzenspiel bei Babelsberg 03. Der Aufwärtstrend bei den Borussen fiel auch andernorts auf. Beim 1. FC Union zum Beispiel. Von dort gab es, so erzählt Peter Antony, vor der Saison mal eine Anfrage, ob man denn Theo Gries engagieren könne. Gries hatte gerade zwei Tage zuvor seinen Vertrag bei TeBe um zwei Jahre verlängert – per Handschlag. Es bedurfte da keiner großen Worte. „Fünf Minuten hat das gedauert mit der Vertragsverlängerung“, sagt Antony. Und Unions Angebot? „Das hat er danach abgelehnt“, sagt Antony.

Drei gestandene Ex-Profis hat TeBe im Kader: Peter Peschel, Dejan Raickovic und den derzeit verletzten Daniel Scheinhardt. Peschel und Raickovic haben allerdings Ausstiegsklauseln, falls ein Profiklub Bedarf an ihnen anmeldet. RW Oberhausen klopfte unlängst bei Dejan Raickovic an. Ob der Abwehrroutinier nicht zurückkomen wolle zu dem Klub, den er erst im Sommer verlassen hat, wurde er gefragt. Raickovic hat abgewunken. Er sagt: „Ich war über zehn Jahre lang als Fußballprofi auf Reisen, jetzt muss ich auch mal zur Ruhe kommen.“ Und die Ruhe im Kreis einer Familie ist halt noch immer die schönste.

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