Berlin-Sport : Dynamo kaputt

Vor 14 020 Zuschauern verliert der DDR-Rekordmeister 0:8 beim 1. FC Union

Karsten Doneck

Der Anstoß verzögerte sich ohnehin schon. Zu groß war der Andrang an den Kassen. Mit zehnminütiger Verspätung standen beide Mannschaften dann endlich im Spielertunnel, bereit aufzulaufen. Erwartungsfroh stimmten sich 14 020 Zuschauer im Stadion an der Alten Försterei auf ein feuriges Berliner Fußball-Derby ein. Doch plötzlich verschwanden die Gästespieler vom BFC Dynamo wieder in Richtung Kabine. Eine böse Ahnung beschlich das Publikum. Längst ging in Köpenick die Kunde um, Dynamo habe offen damit gedroht, das Oberligaspiel beim 1. FC Union zu boykottieren. 28 Minuten nach der offiziellen Anstoßzeit um 14 Uhr herrschte Gewissheit: Dynamo kehrte zurück, spielte erbärmlich und ging bei Union 0:8 (0:2) unter. Die zweite Verzögerung war auf Weisung von Schiedsrichter Helmut Bley (Sehmatal) eingetreten: Wegen zu großer Farbähnlichkeit der Trikots beider Mannschaften musste Dynamo die Kluft noch einmal wechseln.

Die Drohung der Hohenschönhausener, nicht antreten zu wollen, hatte indes einen sehr realen Hintergrund. In der Nacht zum Sonntag waren 150 bis 200 Dynamo-Sympathisanten, die in einer Diskothek in der Frankfurter Allee als geschlossene Gesellschaft feierten, in Polizeigewahrsam genommen worden. Von „polizeilicher Willkür“ war in Dynamo-Kreisen die Rede. Stürmer Hendryk Lau ging noch ein paar Schritte weiter. „Was da passiert ist, ist eine absolute Katastrophe für dieses Land. In diesem Land werden Fußballfans schlimmer behandelt als Schwerverbrecher“, grollte Lau. Auch Dynamo-Präsident Mario Weinkauf stellte die Angelegenheit in gehobenere Zusammenhänge: „Da sollte wohl im Vorfeld der WM 2006 schon mal ein bisschen was probiert werden.“

Und weil diese Denkweise beim BFC Dynamo nach den Nachrichten aus der Nacht schnell Allgemeingut wurde, rief Weinkauf am Sonntagvormittag bei Bernd Wusterhausen an, dem Vorsitzenden des Verbandsspielausschusses. Weinkauf bat um Absetzung des Spiels gegen Union. Und holte sich eine Abfuhr. Wusterhausen: „Ich habe ihm gesagt, das kommt überhaupt nicht in Frage.“ Auch Dirk Zingler, Unions Präsident, erhielt einen Anruf von Weinkauf. Antwort Zingler: „Wir stehen Punkt 14 Uhr einlaufbereit am Platz. Wenn ihr da seid, seid ihr da, wenn nicht, dann nicht.“

Der BFC Dynamo entschied sich erst gegen Mittag, doch in die Wuhlheide zu fahren. Weil „wir das Fußballfest nicht verderben wollten“, wie Weinkauf sagte. Bei diesem Fest übernahmen die Dynamo-Kicker dann lediglich die Rolle des staunenden Zuschauers. Union tobte sich nach Herzenslust aus. Die Tore von Benyamina (3), Mattuschka, Grubert (je 2) und Heinrich brachten die Überlegenheit Unions genau richtig zum Ausdruck. Aber nicht nur die drei Punkte erfreuten die Köpenicker. Zudem brachten die 14 020 Zuschauer, unter ihnen 3500 Dynamo-Fans, die für Oberligaverhältnisse ungewöhnliche Einnahme von geschätzt 80 000 Euro brutto in die Kasse. Kalkuliert hat Union im Etat mit 3000 Zuschauern im Durchschnitt.

Erfreulich: Die befürchteten Krawalle im Stadion blieben aus. Beide Fanlager, die ihre Feindschaft aus DDR-Zeiten bis heute konserviert haben, neckten sich vielmehr vergleichsweise sittsam mit Sprechchören und Transparenten. So hielt Unions Anhang vor Beginn Hunderte von handtuchgroßen Transparenten hoch, auf denen standen Begrüßungsformeln für den zehnmaligen DDR-Meister wie „Dynamo-Pack“ oder „Scheiß Dynamo“. Ein Grüppchen auf der Gegengerade forderte dazu auf: „Lasst uns die Vergangenheit restlos begraben“, und zwischen dem auf zwei Zeilen verteilten Satz tauchte noch der Name „Erich Mielke“ auf. Der BFC war einst der Lieblingsklub des Stasichefs.

Die recht einfallslosen Bemühungen der eigenen Mannschaft um ein Tor und die nummerische Überlegenheit der Union gewogenen Zuschauer ließen den Dynamo-Anhang alsbald nahezu verstummen. Kaum Schmähgesänge, kaum Verhöhnung des Gegners – das übliche Feindbild geriet etwas ins Wanken. Als das 4:0 gefallen war, sangen die Union-Fans „Oh, wie ist das schön“. Den Dynamo-Fans reichte es. Die ersten von ihnen traten den Heimweg an.

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