Ein knallharter Zirkus : Wie viel sportlicher Wert steckt in den Sixdays?

Das Berliner Sechstagerennen ist eine große Spaßveranstaltung. Doch bei aller Show geht es auch um sportliche Meriten. Und da kann der Bahnradsport sogar ein bisschen von den Dopingenthüllungen der Straßenkollegen profitieren.

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Die Runde vor der La Ola. Show muss sein, sagt Franco Marvulli (links), „aber erst nachdem ich gewonnen habe“.
Die Runde vor der La Ola. Show muss sein, sagt Franco Marvulli (links), „aber erst nachdem ich gewonnen habe“.Foto: Harald Ottke

So mancher ehemals aktuelle Begriff hat den Sprung in die Neuzeit nicht geschafft, da macht das Berliner Sechstagerennen keine Ausnahme. In der Anfangszeit, als der Volksmund mit „Heuboden“ noch die billigen Stehplätze im Oberrang meinte, gab es dort hin und wieder Raufereien. Inzwischen sind Handgreiflichkeiten bei der 102. Auflage der Veranstaltung so selten geworden wie die Verwendung des Begriffs „Heuboden“. Ein ungeschriebenes Gesetz hat jedoch weiter Bestand: Die Stimmung bei den Sixdays kommt von den Rängen.

Dort nämlich steht für die Zuschauer der Sport im Vordergrund, dort springen sie für ihre Lieblinge noch auf und halten Banner in die Luft. Im Innenraum des Ovals gilt dagegen: sehen und gesehen werden. Wo sich die lokale Prominenz die Klinke in die Hand gibt, stehen die meisten Besucher nur dann auf, wenn ihre Gläser leer sind oder gerade Livemusik ertönt. Radrennen? Stimmt, da war ja was. Läuft halt irgendwie nebenher. Kann man ja mal mitklatschen.

Das Besucherverhalten im Velodrom steht stellvertretend für die Frage nach dem sportlichen Wert von Sechstagerennen: Wie viel Show darf oder muss sein? Wie ernst nehmen die Fahrer eine solche Veranstaltung? Ist sie nur Mittel zum Zweck? Oder fährt der innere Schweinehund tatsächlich auf jeder Runde mit?

Das Berliner Sechstagerennen gestern und heute
Die Ex-Fußball-Profis Uwe Seeler und Franz Beckenbauer durften das 103. Sechstagerennen im Berliner Velodrom eröffnen.Alle Bilder anzeigen
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23.01.2014 17:20Die Ex-Fußball-Profis Uwe Seeler und Franz Beckenbauer durften das 103. Sechstagerennen im Berliner Velodrom eröffnen.

„Man muss das Berliner Rennen gesondert betrachten“, sagt Franco Marvulli, „im Vergleich zu anderen Städten merkt man von der ersten Runde an: Hier sitzt überwiegend Fachpublikum, das ein feines Gespür für die jeweilige Situation hat, das gute Leistungen zu würdigen weiß.“ Für den 34-Jährigen, der am Sonntag vor 11 500 Zuschauern mit Lokalmatador Andreas Müller Platz zwei im Zweier-Mannschaftsfahren verteidigte, ist der Termin Ende Januar deshalb Pflicht. „Hier bin ich eines meiner ersten Rennen gefahren“, sagt er, „es war Liebe auf den ersten Blick.“

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