Berlin-Sport : Ein Titel, zwei Stunden Schlaf

Die Spielerinnen des Berliner Hockey-Clubs und Trainer Keller feiern einen ganz besonderen Erfolg

Ingo Schmidt-Tychsen

Bis um neun Uhr morgens ging die Party. So ungefähr. Zwei Stunden Schlaf hatten die Spielerinnen, erzählt ihr Teammanager Horst Buhr. Dann traf sich die Mannschaft des Berliner Hockey-Clubs auch schon wieder. Zum Frühstück im Parkcafé am Fehrbelliner Platz. Dort wurde weitergefeiert. Die Berlinerinnen waren am Vortag zum fünften Mal in ihrer Vereinsgeschichte Deutscher Feldhockey-Meister geworden. Im Finale in Düsseldorf hatten sie Rot-Weiß Köln 4:3 besiegt. Es ist für die meisten Spielerinnen des sehr jungen Teams die erste Meisterschaft überhaupt – wie auch für den 39- jährigen Trainer Andreas Keller. Als Spieler hat der Olympiasieger von 1992 beinahe alle Titel gewonnen, die es im Feldhockey zu gewinnen gibt. Einzig die deutsche Meisterschaft hatte ihm noch gefehlt. Zwölf Mal hatte Keller als Spieler im Halbfinale gestanden, sechs Mal im Finale. Als Trainer war er vor einem halben Jahr in der Halle mit den Frauen des BHC im Halbfinale gescheitert. Sogar als er einmal mit einer Jugendmannschaft im Halbfinale stand, scheiterte er.

Am Sonntag, in seinem letzten Spiel als Trainer, seinem wohl letzten Versuch, diesen Titel endlich doch noch zu gewinnen, ist es ihm nun endlich gelungen. Gefeiert hat Keller trotzdem nur bis um fünf Uhr morgens, nicht wie die anderen bis um neun. Auch von einer besonderen Genugtuung will er nichts wissen. „Daran, dass es an mir liegen könnte und ich nicht Meister werden kann, daran habe ich ohnehin nie geglaubt“, sagt Keller. Natürlich sei das riesig, sagt er. „Doch auch wenn es nicht geklappt hätte, wäre es nicht der Weltuntergang. Man muss Hockey richtig einordnen können – es ist nicht das Wichtigste.“

Wichtigere Dinge, das sind bei Keller, der seit 20 Jahren als Jugendtrainer arbeitet und seit über 30 Jahren selbst spielt, in Zukunft wieder seine berufliche Karriere und seine Rolle als Vater von zwei Kindern. Keller arbeitet als Sonderpädagoge in einem Förderzentrum Lernen im Norden Neuköllns. „Dafür benötige ich immer mehr Zeit. Außerdem brauche ich einfach mal eine Pause vom Hockey“, sagt Keller, um schnell hinzuzufügen: „So ganz verabschiede ich mich natürlich noch nicht.“ Hin und wieder werde er als Kotrainer bei Video-Analysen noch zur Verfügung stehen, und auf jeden Fall wolle er bei der Suche nach einem neuen Trainer helfen.

„Ich denke, dass wir mit dieser Mannschaft keine Probleme haben werden, einen qualifizierten Trainer zu finden“, sagt Buhr. Seine Mannschaft hat sich enorm entwickelt in den letzten fünf Jahren. Als ein Großteil der Meistermannschaft von 1999 und 2000 nach dem verlorenen Finale 2001 aufhörte, lastete die Verantwortung plötzlich auf vielen sehr jungen Spielerinnen. Die Talente spielten oft stark – bis zu den entscheidenden Momenten. Immer wieder scheiterten sie knapp, meist erst im Halbfinale. „Dieses Trauma haben wir nun überwunden“, sagt Natascha Keller, Kapitän der Mannschaft und Schwester von Andreas Keller. Das Image einer Verlierer-Mannschaft sei das Team nun endlich los. „Mein persönliches Siebenmeter- Trauma habe ich auch überwinden.“ Im Halbfinale in der Halle gegen Rüsselsheim hatte Natascha Keller einen Siebenmeter verschossen, im Siebenmeterschießen gegen Rot-Weiß Köln am Sonntag schlenzte sie den Ball ins Tor. „Ich war extrem nervös vor dem Schuss, das wird dank des Erfolgserlebnisses nun wieder besser werden.“

Andreas Kellers Schwester verwandelte ihren Siebenmeter, seine Lebenspartnerin Louisa Walter im Tor des BHC hielt zwei Siebenmeter. Wenigstens beim Gedanken an diese persönlichen Dinge redete der bodenständige Keller ein wenig pathetisch: „Das ist schon unglaublich, unglaublich schön – die Krönung.“

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