Berlin-Sport : Endlich harte Arbeit

Die Hockey-Frauen des BHC erreichen durch ein 6:3 gegen Essen das Halbfinale

Stefan Hermanns

Zwei entscheidende Situationen aus dem Viertelfinale des Berliner Hockey-Clubs gegen Etuf Essen. Die 36. Minute, es steht immer noch 1:1, die Frauen vom BHC vergeben auch ihre vierte kurze Ecke, doch weil die Essenerinnen den Ball auf der Torlinie mit dem Fuß stoppen, gibt es noch einen Siebenmeter obendrauf. Lea Loitsch tritt an – und verschießt. Die zweite Situation: Fünf Minuten vor Schluss muss die Berlinerin Julia Karwatzky für drei Minuten auf die Strafbank, die Essener nutzen die Überzahl zu zwei Toren. Dazwischen aber haben die Berlinerinnen aus einem 1:1 ein 6:1 gemacht. Am Ende heißt durch Tore von Franziska Stern (zwei), Britta von Livonius, Julia Karwatzky, Lea Loitsch und Janina Totzke 6:3 für den BHC – ein deutliches Ergebnis: Trotzdem sagt Safi Khalil, der Trainer der Berlinerinnen: „Es war harte Arbeit.“ Etwas Besseres hätte er sich gar nicht vorstellen können.

„Endlich mal wieder ein Spiel, in dem es um alles ging“, sagt Nationalstürmerin Natascha Keller. „Endlich mal ein Gegner, der offen mitspielt.“ Aus der Liga kennen die Berlinerinnen so viel Gegenwehr gar nicht. 16:1. 19:3. 23:2 – so lauteten die letzten drei Ergebnisse des BHC in der Meisterschaftsrunde, Gruppe Ost. „Das ist furchtbar eigentlich“, sagt Keller. „Der Unterschied ist einfach zu deutlich.“ In ihrer Liga werden die Berlinerinnen nur selten gefordert, in den Endrundenspielen aber werden sie dann mit einem Niveau konfrontiert, an das sie sich erst wieder gewöhnen müssen. „Das ist der Nachteil des Ligasystems“, sagt Trainer Khalil.

Vor sechs Jahren sind die Frauen des Berliner HC zum letzten Mal Deutscher Hallenhockey-Meister gewesen, ein Jahr später standen sie letztmals im Endspiel. Von ungefähr kommt das nicht, weil die Gegner in der Endrunde immer deutlich stärker sind, als es die Berlinerinnen aus dem Alltag gewohnt sind. Dieses Phänomen hat am Wochenende auch der TSV Mannheim erlebt, der vor eigenem Publikum gegen Harvestehude in 60 Minuten kein einziges Tor erzielte und durch ein 0:2 bereits im Viertelfinale ausgeschieden ist. Der große Favorit auf den Meistertitel ist also nicht mehr dabei, wenn in zwei Wochen in Elmshorn die Endrunde ausgetragen wird. Die Frauen des BHC treffen im Halbfinale (wie eine Woche zuvor die Männer des Vereins) auf den Club an der Alster aus Hamburg.

Gestern gegen Etuf Essen, den Zweiten der Gruppe West, brauchten die Berlinerinnen eine gewisse Eingewöhnungszeit. Eine Halbzeit lang konnte der Favorit vor eigenem Publikum seine Überlegenheit nicht ausspielen. „Wir waren sehr nervös und hibbelig“, sagt Natascha Keller. Als die Berlinerinnen in Überzahl zweimal im Aufbau den Ball verlieren, hat die Nationalspielerin sogar das Gefühl: „Irgendwas stimmt hier nicht.“

Louisa Walter, die Nationaltorhüterin des BHC, begrüßt nach dem Spiel eine Freundin. „Ihr seid erst zur zweiten Halbzeit gekommen, oder?“, sagt sie, was so viel heißen soll wie: Hoffentlich habt ihr das Gegurke in der ersten Hälfte nicht gesehen. In der zweiten Halbzeit nimmt das Spiel noch den erwarteten Verlauf. „Wir wollten Essen müde rennen“, sagt Natascha Keller.

Trainer Khalil hat schon in der ersten Hälfte, beim Stand von 1:0, die Torhüterin für sieben Minuten vom Platz genommen und eine zusätzliche Feldspielerin aufgeboten – eine Maßnahme, die in der Regel erst kurz vor Spielende getroffen wird, wenn es noch einen Rückstand aufzuholen gilt. „Wir wollten die Essener zusätzlich unter Druck setzen“, sagt Khalil. Doch ausgerechnet in Unterzahl auf dem Feld schaffen die Gäste durch eine kurze Ecke den Ausgleich, weil die Torhüterin nach dem Schiedsrichterpfiff nicht wieder eingewechselt werden darf und Feldspielerin Lea Loitsch daher im Tor bleiben muss.

„Wir haben noch Raum nach oben“, sagt Natascha Keller nach dem erfolgreichen Viertelfinale. Safi Khalil, der Trainer, hofft, dass sich die B-Jugend des Vereins zur Vorbereitung auf das Halbfinale noch einmal als Sparringspartner für seine Mannschaft zur Verfügung stellt – die männliche B-Jugend, „damit wir ein bisschen auf Tempo kommen“, sagt Khalil. Diese Trainingsspiele sind wenigstens einigermaßen ausgeglichen.

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