Berlin-Sport : Erst Meister, dann Lehrling

3 B will zum ersten Mal den nationalen Tischtennis-Titel gewinnen – und künftig seine Spitzenspielerinnen selbst ausbilden

Jörg Petrasch

Fast jedes Jahr schien es beim Tischtennis-Bundesligaklub 3 B gleich abzulaufen. Sechsmal hintereinander erreichten die Berlinerinnen die Play-offs, aber Deutscher Meister wurden sie nie. Nun haben sie dieses Jahr zum Jahr der Veränderung ausgerufen. Am Ende ihrer siebten Play-off-Teilnahme soll endlich der Titelgewinn stehen, und das 5:5 im Halbfinal-Hinspiel am Sonntagnachmittag beim TV Busenbach ist dafür eine gute Ausgangsposition. Am nächsten Sonntag steht das Rückspiel in eigener Halle an.

Zweimal hat 3 B schon den europäischen ETTU-Pokal gewonnen, doch der Meistertitel hat eine höhere Bedeutung. So gut wie diese Saison standen die Chancen noch nie. Als Zweite schlossen die Berlinerinnen die Hauptrunde ab, punktgleich mit dem FSV Kroppach, der sich gestern beim Meister aus Langweid ebenfalls ein Unentschieden erkämpfte. Während sich aber diese drei Vereine im nächsten Jahr verstärken, geht 3 B einen anderen Weg. „Wir investieren in die Zukunft“, sagt Manager Rainer Lotsch. Das ist die zweite Veränderung bei 3 B.

Denn anstatt sich mit einer fertigen Spielerin zu verstärken, setzt 3B auf seine zweite Mannschaft. Und auf die Jugend. Lotsch sagt: „Der Prozess der Verjüngung hat bei uns begonnen.“ Nachdem sich die Verantwortlichen im Verein zuvor gefragt hatten, ob man sich überhaupt weiterhin ein Zweitligateam leisten sollte, ist die Zielrichtung nun eindeutig. 3B Berlin will seine Spitzenspielerinnen selbst ausbilden. Das lässt sich der Verein rund 25 000 Euro kosten. Für diese Summe bekäme der Klub laut Lotsch auch eine Spielerin aus den besten 20 der Weltrangliste. Doch Lotsch gibt sich idealistisch: „Wir leisten uns eine zweite Mannschaft, das zeigt unser Interesse für den Tischtennissport.“ Dahinter könnte jedoch auch taktisches Kalkül stehen. Die Verpflichtung einer weiteren, dritten Chinesin würde den Berlinerinnen kein Lob einbringen. Stattdessen könnten sie sich mit ihrem Nachwuchskonzept wieder um den Status eines geförderten Bundesstützpunkts bewerben.

Der Altersdurchschnitt des Zweitligateams ist geringer als 20 Jahre. Hinter der 20-jährigen Gaby Rohr, die in diesem Jahr Dritte bei den deutschen Meisterschaften wurde, wird nächste Saison die rumänische Jugendnationalspielerin Julia Necula (19) an Position zwei spielen. Gefolgt von der zwei Jahre jüngeren englischen Jungendnationalspielerin Joanna Parker, die bereits in Berlin spielt. Komplettiert wird das Quartett von Marie Ollmer, die nach einer Saison beim SC Poppenbüttel nach Berlin zurückkehrt.

Vor allem Gaby Rohr und Julia Necula sollen oft in der ersten Mannschaft eingesetzt werden. Begeistert ist Lotsch aber noch mehr vom Modell „Joanna Parker“. „Das ist ein Modell der Zukunft“, sagt Lotsch. Der Englische Tischtennis-Verband zahlt alle Kosten für seine Nachwuchsspielerin, die dafür in Berlin optimale Trainingsmöglichkeiten bekommt. Parker braucht aber noch etwas Zeit.

Sehr gute Entwicklungschancen sieht Lotsch auch bei Gaby Rohr, die beim TSV Betzingen bereits jahrelang Erstligaerfahrung sammeln konnte. Sie muss dann allerdings mit Veronika Pawlowitsch und Bao Di konkurrieren, die in der Hauptrunde zusammen nur fünf Spiele verloren und somit die beiden besten Spielerinnen im unteren Paarkreuz sind. Nächstes Jahr wird es noch mehr auf jedes einzelne Spiel ankommen. Denn, und das ist Veränderung Nummer drei, nächste Saison werden die Play-offs abgeschafft. Die letzte Chance also für 3 B, Deutscher Play-off-Meister zu werden.

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