Fußball in Berlin : Lebensretter mit Pfeife

Immer montags werfen wir einen Blick auf den Berliner Fußball. Heute: Ein dramatischer Zwischenfall beim Kreisliga-B-Spiel zwischen Rotation Prenzlauer Berg und Eiche Köpenick macht einen Schiedsrichter zum Lebensretter.

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Jeden Montag werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.
Jeden Montag werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.Foto: promo

Plötzlich schossen Schiedsrichter Torsten Rudolph die alten Bilder wieder in den Kopf. Damals, vor acht Jahren, als er schon einmal auf einem Sportplatz kniete und um das Leben eines jungen Mannes kämpfte. Ein Spieler war verunglückt und hatte seine Zunge verschluckt. Rudolph holte sie wieder hervor, doch es gelang ihm nicht, gegen die Verkrampfung anzukämpfen, obwohl er dem Verunglückten sogar gezielt den Kiefer brach. All sein Einsatz war umsonst, der junge Mann starb noch in seinen Armen. Jetzt, am vergangenen Samstag, auf dem Sportplatz an der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg, findet sich Rudolph plötzlich in der gleichen Situation wieder.

Was ist passiert? In der 83. Minute des Kreisliga-B-Spiels zwischen Rotation Prenzlauer Berg und Eiche Köpenick kommt es zum Laufduell zwischen dem Köpenicker Benjamin Viezens und einem Gegenspieler. Die beiden geraten ins Straucheln und stürzen, Viezens knallt mit dem Hinterkopf auf den harten Kunstrasen und bleibt regungslos liegen. Schiedsrichter Rudolph erkennt sofort den Ernst der Lage und läuft zu dem Spieler, der bereits blau angelaufen ist.

"Zunge verschluckt", schießt es dem Schiedsrichter sofort durch den Kopf, dann setzt er geistesgegenwärtig die Notmaßnahmen an. Mit gekonntem Griff und hohem Kraftaufwand holt er die Zunge wieder hervor und presst seine Daumen drauf, um ein erneutes Abrutschen um jeden Preis zu verhindern. Viezens kommt wieder zu Bewusstsein, die Kiefermuskulatur verkrampft automatisch. Über 15 Minuten lang hockt Rudolph so da, seine Faust im Mund des jungen Mannes, mit seinen Fingern kämpft er gegen die Kieferkraft des 21-Jährigen an. Neben ihm knien die Trainer der beiden Mannschaften und helfen mit, den Kopf des Verletzten zu fixieren. "Wenn er mir die Finger abgebissen hätte, wäre es mir auch egal gewesen", so Rudolph. Er kennt nur noch einen Gedanken: "Wenn die Zunge zurückrutscht, stirbt der Junge".

Diesmal gelingt es dem Reinickendorfer, den Zustand des Verletzten stabil zu halten, bis der Rettungsdienst eintrifft und ihn ablöst. Viezens kann gerettet werden, er wird mit einer schweren Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht. Einige Mitspieler begleiten ihn. Bereits am Sonntagabend verlässt er die Klinik und hat außer Kopfschmerzen keine Folgeschäden. Dennoch soll er in dieser Woche noch einmal gründlich untersucht werden.

An Fußball ist auf der Dunckerstraße am Samstagnachmittag nicht mehr zu denken, das Spiel wird abgebrochen. "Ich war ganz schön mitgenommen, schließlich hatte ich gerade zwanzig Minuten lang das Leben eines Menschen in der Hand. Außerdem kamen all die Erinnerungen von damals wieder hoch." so Rudolph. Auch die Mitspieler und Verantwortlichen der beiden Mannschaften stimmen dem Spielabbruch zu. "Alle Beteiligten haben sich super verhalten, jeder dachte nur noch an das Menschenleben und nicht mehr an Fußball", zeigt sich Sven Pansegrau, Trainer des TSV Eiche Köpenick, dankbar. Noch am Abend schreibt er im Diskussionsforum auf der Internetseite seines Vereins: "Der unglückliche Zusammenprall von Benni und die Bewusstlosigkeit von ihm haben mir totale Angst gemacht. Ich bin völlig fertig und fassungslos."

Lebensretter Torsten Rudolph, hauptberuflich für einen Reinickendorfer Obst- und Gemüse-Vertrieb tätig und seit 21 Jahren Schiedsrichter in den Berliner Kreisligen, kann zwar die ganze Nacht zu Sonntag nicht schlafen, steht aber trotzdem am nächsten Tag schon wieder mit der Pfeife auf dem Fußballplatz. "Nach dem tragischen Unfall vor acht Jahren brauchte ich eine Auszeit und ging in psychologische Betreuung. Diesmal wollte ich mich einfach ablenken und zur Normalität zurückkehren". Gestärkt von seinen Erfahrungen von damals und vor allem von seiner Freundin glaubt er, den erneuten Vorfall gut verarbeiten zu können. "Ich habe den nötigen Rückhalt meiner Familie, außerdem liebe ich den Fußball zu sehr, um jetzt einfach aufzuhören", gibt sich der Schiedsrichter tapfer.

Die Beteiligten der beiden Klubs sind sich jedenfalls einig, dass nur dank des beherzten Eingreifens des Spielleiters Schlimmeres verhindert wurde. "Er hat komplett gewusst, was zu tun war, das haben die Rettungskräfte hinterher auch bestätigt", teilt Sven Pansegrau mit. Einen Erste-Hilfe-Kurs hat Rudolph laut eigener Aussage jedoch nie besucht, das nötige Wissen habe er sich selbständig angeeignet, "schließlich kann so etwas beim Fußball ja immer passieren." Eine vorbildliche Einstellung, die dem jungen Köpenicker Viezens wohl das Leben rettete. Dessen Trainer bringt die Dankbarkeit aller Betroffenen auf den Punkt: "Wir können uns alle sehr glücklich schätzen, dass wir heute als Schiri einfach den richtigen Mann hatten."

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