Berlin-Sport : Gemeinsam kompakt

Der Hamburger SV belebt die Qualitäten aus der Hinrunde wieder und findet zum Erfolg zurück

Frank Hellman[Hamburg]

Kompakt ist ein Lieblingswort bei Fußball-Lehrern. Genau definiert ist es nicht. Als der Hamburger Trainer Thomas Doll nach dem 1:0-Arbeitssieg gegen den FSV Mainz seine „kompakte Mannschaft“ pries, meinte er aber wohl folgendes: im wahrsten Sinne des Wortes eng zusammen stehen, die Räume zustellen, dazwischen grätschen und schlagen, wenn der Ball sich aufs eigene Tor zu bewegt. Spielt ein Team so kompakt wie der HSV am Samstag, dann hat der Gegner wenig Spaß. Die Zuschauer langweilten sich ein bisschen, feierten aber am Ende umso enthemmter – zumal Rivale Werder Bremen gepatzt hatte, auch wenn Doll das angeblich gar nicht interessierte: „Ob wir Zweiter oder Dritter sind, ist mir so was von egal. Wichtig ist nur, dass die Mannschaft eine Reaktion gezeigt hat.“

Die Irritationen ob der Niederlage in Hannover sind behoben; in puncto „Einsatz und Wille“ fühlte sich der sichtlich befreite Doll „an die erfolgreiche Hinrunde“ erinnert. Denn wenn der holprige Start ins Jahr 2006 mit dem Getöse um die Verpflichtung von Ailton und Nigel de Jong und um die Verträge von Barbarez und Beinlich eine Erkenntnis beim HSV produziert hat, dann diese: Das vermeintlich fest zusammengeschweißte Gebilde ist fragiler als gedacht. Eine ohne Not vorgenommene Umstellung genügte, um der Elf die Stabilität zu nehmen. Den neu verpflichteten Niederländer de Jong auf die wichtige Position vor der Abwehr zu beordern und den anerkannten Schweizer Raphael Wicky auf die Bank zu verbannen, war der größte Fehler, den Doll bisher begangen hat. Doch es spricht für die Lernfähigkeit des 39-Jährigen, dies gegen Mainz korrigiert zu haben: Wie in der Hinrunde räumte Wicky zentral defensiv ab, de Jong spielte halbrechts. Und siehe da: Der HSV ließ quasi keine Chance zu und nutzte eine seiner wenigen Gelegenheiten durch Mehdi Mahdavikia. „Raphael Wicky hat die richtige Antwort gegeben“, sagte Doll. Dennoch dürfte der Trainer den erst 21-jährigen de Jong langfristig auf der eigentlich zugedachten Wunschposition einsetzen wollen. „Nigel de Jong und dieser Mannschaft gehört die Zukunft. Dafür haben wir viel Zeit“, behauptet Landsmann Khalid Boulahrouz.

Um den angestrebten Aufstieg zur europäischen Größe zu schaffen, bedarf es zunächst einmal besserer Stürmer. Sergej Barbarez lieferte wenig Grund, das bisherige Vertragsangebot nachzubessern, Benjamin Lauth blieb beinahe alles schuldig, was ein WM-Kandidat hätte zeigen müssen, Ailton liegt mit Kieferbruch in der Klinik. Kann der HSV, der am Donnerstag im Uefa-Cup beim FC Thun antritt, auch ohne Angriff zum Sturm auf Europa ansetzen? Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer überlegte bei dieser Frage verdächtig lange. „Diese Mannschaft“, sagte er, „kommt über die Kompaktheit.“

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