Hinrunden-Bilanz : Wer wird dritte Kraft hinter Hertha und Union?

Immer montags werfen wir einen Blick auf den Berliner Fußball. Heute: Die Zeichen bei Türkiyemspor stehen auf Untergang, während der BAK nach oben strebt. Doch die Moabiter sind nicht die einzigen, die die neue dritte Kraft in Berlin werden wollen.

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Immer montags werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.
Immer montags werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.Foto: promo

Die Fußballplätze ruhen unter einer dichten Schneedecke, Fußball wird derzeit nur in der Halle gespielt. Zeit genug also, um zu schauen, was sich in der ersten Saisonhälfte jenseits von Hertha und Union im Berliner Fußball getan hat.

Als Berlins Nummer drei ist Türkiyemspor in die Saison gestartet. Diesen Platz werden die Kreuzberger am Saisonende aber räumen müssen, wenn nicht noch ein mittelschweres Wunder eintritt. Keinen einzigen Sieg und ganze fünf Punkte hat der Klub in der Hinrunde der Regionalliga Nord eingefahren, davon werden am Ende auch noch drei Zähler wegen Unregelmäßigkeiten im Lizenzierungsverfahren abgezogen. Der Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz beträgt dadurch bereits 16 Punkte, das Kicker-Sportmagazin nennt Türkiyemspor den "Prototyp eines abgeschlagenen Schlusslichts". Wie so oft in einer solchen Situation ist jetzt zu befürchten, dass viele Spieler das sinkende Schiff verlassen und der Verein auch eine Etage tiefer große Probleme haben wird, sich sportlich zu konsolidieren.

Der Nachfolger für die dritte Kraft im Berliner Fußball steht schon in den Startlöchern. Berlin Ankaraspor, der aller Voraussicht nach bald wieder Berlin Athletik Klub 07 heißen wird, hat in der Oberliga Nord eine sensationelle Hinrunde ohne Niederlage hingelegt. Prunkstück ist die Defensive, die in den bisher 14 Spielen gerade einmal drei Gegentreffer zuließ, von denen eines auch noch ein Eigentor war. Trainer Bahman Foroutan kam vor der Saison von Türkiyemspor und brachte gleich fünf Spieler mit, darunter die komplette Viererkette. Doch nach Aussage des Trainers sind es nicht nur die Neuzugänge, die den BAK plötzlich so stark machen. So standen zum Beispiel beim 2:0 gegen den Tabellenzweiten Hansa Rostock II sieben Spieler auf dem Platz, die auch im letzten Jahr schon für den Verein spielten.  

Der BAK will in die 3. Liga

Jetzt soll noch einmal in der Offensive aufgerüstet werden, mit Fatih Yigitusagi von Türkiyemspor steht bereits ein hochkarätiger Neuzugang für die Rückrunde fest, der auch schon bei Hannover 96 und dem FC Erzgebirge Aue unter Vertrag stand. Ihm sollen weitere Offensivspieler folgen, mit einigen ist sich der Verein aus dem Moabiter Poststadion schon einig. "Wir werden in der Rückrunde noch stärker sein", ist sich Foroutan sicher. Langfristig soll die Regionalliga auch nur eine Zwischenstation darstellen. "Zwischen Regional- und Oberliga ist kein großer Unterschied, deshalb ist unser Ziel die 3. Liga", so der Trainer.

Für die weiteren Berliner Klubs in der Oberliga verlief die Hinrunde sehr dürftig. Dies gilt auch für den BFC Dynamo, der aber immerhin von sich behaupten kann, im gesicherten Mittelfeld zu stehen. Für die übrigen drei Klubs ist die Lage noch viel schlechter. Bei Tennis Borussia sah es zu Beginn nach einem totalen Absturz aus, inzwischen haben die Charlottenburger aber zehn Punkte gesammelt und dadurch als Vorletzter weiterhin alle Chancen auf den Klassenerhalt. Hauptgegner im Abstiegskampf sind die beiden Lokal-Kontrahenten Lichterfelder FC und Reinickendorfer Füchse, die mit jeweils elf Zählern in der Tabelle direkt vor den Borussen liegen. Gut möglich also, dass es am Saisonende mindestens einen Berliner Klub erwischt, der dann den Gang in die sechstklassige Berlin-Liga antreten müsste.

Den umgekehrten Weg wird nach jetzigem Stand der BFC Viktoria 98 einschlagen. Schon vor der Saison wegen hochkarätiger Neuzugänge als Topfavorit der Berlin-Liga gehandelt, werden die Tempelhofer bislang allen Ansprüchen gerecht und führen die Tabelle souverän mit elf Punkten Vorsprung nach 14 Spielen an. Der Berliner Traditionsklub, in dessen Historie zwei Deutsche Meistertitel zu Buche stehen, will sich ebenfalls als dritte Kraft hinter Union und Hertha etablieren. "Zwischen Profi- und Amateurfußball klafft in Berlin eine Riesenlücke, diese wollen wir ausfüllen", so Vize-Präsident Carsten Herrmann. Demnach soll die Oberliga langfristig nur eine Zwischenstation bleiben, ob schon im nächsten Jahr der Angriff auf die Regionalliga gestartet werden soll, muss aber noch abgewägt werden. "Wir haben sicherlich jetzt schon eine Oberliga-taugliche Mannschaft, wir wollen uns aber Schritt für Schritt weiterentwickeln und müssen nicht sofort durchmaschieren", so Herrmann.

Viktoria 89 ohne Konkurrenz in der Berlin-Liga

In der Berlin-Liga zumindest gibt es wohl keine ernsthafte Konkurrenz für Viktoria. Die als Mitfavorit gehandelte Hertha 03 Zehlendorf bleibt mit dem 13. Tabellenplatz weit hinter den Erwartungen zurück, und auch von den unmittelbaren Verfolgern war bisher niemand konstant genug, um noch als Gefahr für Viktoria gelten zu können. Beachtlich sind die Leistungen der drei Aufsteiger Berliner SC, TSV Rudow und VSG Altglienicke, die allesamt in der oberen Tabellenhälfte überwintern. Und auch im nächsten Jahr könnte ein hochkarätiger Aufsteiger dazukommen. Der Club Italia Berlino aus Charlottenburg rüstet schon seit mehreren Jahren kräftig auf und will in diesem Jahr endlich sportlich den nächsten Schritt machen. In der Landesliga sind die Italo-Berliner derzeit Tabellenführer, im Falle eines Aufstiegs muss man sie wohl auch in der Berlin-Liga für die vorderen Plätze auf der Rechnung haben.

Der Lichtenrader BC hingegen scheint aus der Oberliga direkt durchgereicht zu werden. Vor zwei Jahren noch Berliner Meister, dann aber den hohen finanziellen Anforderungen in der Oberliga nicht gewachsen und folglich komplett auseinander gefallen, droht nun ein ähnliches Schicksal wie beim Spandauer SV. Auch dem Berliner Meister von 2007 kostete das Intermezzo im überregionalen Fußball Kopf und Kragen, inzwischen spielt der Klub in der Landesliga und steht dort mit bislang null Punkten vor dem dritten Abstieg in Folge. Es gibt also genug warnende Beispiele, auch bei Türkiyemspor und Tennis Bourssia ist nicht klar, ob man sich sportlich rechtzeitig fangen kann. Die Verantwortlichen beim BAK und Viktoria haben laut eigener Aussage ihre Lehren daraus gezogen. So betont man auf beiden Seiten, dass man in erster Linie die Struktur und das Umfeld stärken will, um nicht die nächsten in der Liste der gescheiterten Vereine zu werden.

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