Berlin-Sport : Kampf um Rom

Nach zehn Jahren verlässt Patrick Weissinger die Wasserfreunde und sucht einen Job in Italien

Claus Vetter

Patrick Weissinger sitzt in einem Straßencafé in Rom. Die Sonne scheint, aber es ist ein wenig zu windig, sagt er und lacht. Es ist schon nach 12 Uhr. „Die Ausläufer des Frühstücks.“ Er hat Zeit, der 31-Jährige. Und das ist für ihn ein Ausnahmezustand. Als Wasserball-Profi ist Freizeit knapp bemessen, vergangene Saison war dies für Weissinger erst recht so: Bundesliga, Pokal und die Champions League mit den Wasserfreunden Spandau 04 und dann der Ausflug mit der Nationalmannschaft zu den Olympischen Spielen. Als Athen vorbei war, kam für Weissinger der Punkt, an dem seine Motivation nachließ. Vor wenigen Tagen hat er seinen Abschied von Spandau 04 und aus der Nationalmannschaft erklärt.

„Die Entscheidung kam plötzlich, auch wenn ich mit dem Gedanken schon lange gespielt habe. Die Abnutzungserscheinungen waren da, der Wunsch, sich auch mal auf etwas anderes zu konzentrieren wurde immer größer.“ Zehn Jahre war Weissinger in Spandau, zehn nationale Meistertitel haben die Berliner in dieser Zeit gewonnen, vergangene Saison wurde das Team um Kapitän Weissinger sogar vierter in der Champions-League.

Doch das Team steht nun vor einem Umbruch, nachdem Nationalspieler Thomas Schertwitis das Team verlassen hat. „Die Mannschaft für die kommende Saison sieht nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt habe“, sagt Weissinger. „Dass die in der Champions-League angreifen, kann man so gut wie ausschließen. Es wurde verpasst, die Mannschaft weiterzubringen.“

Allerdings soll der spanische Stürmerstar Gabriel Hernandez kommende Saison für den deutschen Serienmeister die Tore werfen. Etwas Geld war also doch noch da, anscheinend mehr als für Weissinger. Und dann war da für ihn auch noch das Turnier von Athen: Insgeheim hatten sie sich beim Nationalteam mehr ausgerechnet als Rang fünf. „Vorher wären wir damit zufrieden gewesen“, sagt er. „Aber während des Turniers hat sich herauskristallisiert, dass wir ins Halbfinale kommen können. Diese Chance haben wir leichtfertig aus der Hand gegeben.“ Ein paar Querelen habe es innerhalb des Teams auch noch gegeben. Aber darüber würde er lieber nicht sprechen, sagt Weissinger.

Diese Zurückhaltung ist typisch für ihn. Weissinger war so etwas wie die integrative Figur bei den Wasserfreunden, hat ihnen nach außen hin ein Gesicht gegeben, war der bekannteste Spieler eines Teams aus einer Sportart, die es in ihrer Außendarstellung schwer hat. Trotz seines plötzlichen Abgangs aus Berlin sagt er: „Ich bin nicht enttäuscht von Spandau, das ein oder andere Mal werde ich auch noch bei denen mittrainieren.“

Wasserball-Profi, das bedeutet in Deutschland viel Anstrengung und viel Idealismus für wenig Geld. Dabei wird bei Spandau nicht weniger trainiert als bei einem Fußball-Bundesligisten. Aber viel Geld verdienen lässt sich mit dem Sport nur in den Profiligen Südeuropas: Deshalb ist Schertwitis nach Athen gewechselt und deshalb ist Weissinger zurzeit auch in Rom: Er verhandelt mit italienischen Erstligisten. „In drei, vier Wochen wird eine Entscheidung gefallen sein. Ausland, das wäre noch mal eine Erfahrung, da könnte ich Wasserball noch mal richtig genießen.“ Und wenn es dann mit Italien doch nicht klappen sollte? „Dann freut sich meine Freundin, dann werde ich mich auf einen Job im Sportmarketing konzentrieren.“ Und Wasserball genießt Patrick Weissinger dann nur noch als Hobby, bei seinem Heimatverein, dem Zweitligisten SSV Esslingen.

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