Kolumne Berliner Fußball : Berliner AK: Von Ikarus lernen

Pünktlich zum Saisonbeginn starten wir eine neue Kolumne zum Berliner Fußball. Zum Auftakt wirft unser Autor Stephen Glennon einen Blick auf den Berliner AK 07, die aktuelle Nummer drei der Stadt. Dort scheint man von Fehlern der Konkurrenz gelernt zu haben.

von
Weiter in Richtung Konstanz: Trainer Engin Yanova (ganz links) mit seinem Team für die kommende Saison.
Weiter in Richtung Konstanz: Trainer Engin Yanova (ganz links) mit seinem Team für die kommende Saison.Foto: Ian Stenhouse/No Dice Magazine

Ikarus war ein ambitionierter Junge: er wollte nichts weniger als die Sonne. Er ignorierte die Hinweise seines Vaters, dass er nicht zu hoch fliegen solle. Was ist ihm danach passiert? Seine Wachsflügel sind natürlich geschmolzen, er fiel ins Meer und starb und ist damit eine bekannte Warnung vor Arroganz und Übermut geworden.

So ein Mythos passt ganz gut zum Berliner Fußball. Der bekannteste Ikarus ist wohl Tennis Borussia, aber auch Vereine wie Türkiyemspor, Yeşilyurt und Club Italia wollten so schnell wie möglich die Sonne erreichen. Umso höher sie geflogen sind, desto tiefer mussten sie am Ende fallen. In der Moralgeschichte von Ikarus wird jedoch gerne vergessen, dass Diadalos, der Vater von Ikarus, heil und gesund in Sizilien angekommen ist. Er überlebte, weil er eine konstante Höhe hielt und keine unnötige Risiken einging... und damit kommen wir zum Berliner Athletik Klub 07.           

2011 stieg der BAK fast unbemerkt in die Regionalliga Nordost auf. Die meisten Beobachter erwarteten ein weiteres TeBe oder Türkiyemspor: ein paar Jahre kämpfen bis das Geld alle ist, dann Insolvenz und Abstieg. So geht das mit dem nouveau riche im Berliner Fußball. Aber von Fehlern lernt man – auch von denen der anderen. Statt teure Spieler zu kaufen, hat BAK-Präsident Mehmet Ali Han sein Geld in Jugendarbeit und Infrastruktur investiert. Letzte Saison hat sein Verein einen unerwarteten vierten Platz erreicht und mit dem 4:0-Pokalsieg gegen Bundesligist Hoffenheim Geschichte geschrieben. Jetzt ist Trainer Jens Härtel Richtung Leipzig abgewandert und durch Engin Yanova ersetzt worden, ehemals Trainer der zweiten Mannschaft des 1. FC Union. Und die Ziele von Yanova und seinem neuen Verein bleiben trotz der Erfolge von Härtel realistisch.            

Der 36-jährige Berliner spricht ungern von Aufstieg oder gar von Saisonzielen. „Es wird sich zeigen“ sagt er oft: nicht unhöflich oder ausweichend, sondern ehrlich und realistisch. Mit dem Weggang von RB Leipzig, hört man in dieser Liga ohnehin keine großspurigen Ansagen mehr, zu schwierig ist der Weg nach oben. Wer Aufsteigen will, muss zuerst Meister werden und dann die Relegation überleben. Da schützt das Verschweigen von großen Zukunftsplänen vor der Schadenfreude der Ligakonkurrenten. „Es kann eine Überraschungsmannschaft oben landen, die niemand auf dem Zettel hat,“ sagt Yanova, und man fragt sich, ob er damit vielleicht seinen BAK meint. Herausfinden werden wir das erst am Ende der Saison.

Yanova ist nun seit einem Monat im Amt und zu allererst muss er seine Mannschaft mit 18 Neuzugängen kennenlernen. Mit Bilal Cubukcu hat er ein „Riesentalent“, einen Spielgestalter, der mehrere Einsätze in der ersten türkischen Liga auf seinem Konto hat. Der Ex-Union Torwart Marcel Höttecke hatte eine von Verletzungen geprägte Zeit an der Alten Försterei, ist jetzt aber wieder fit und will sich in der Regionalliga zu beweisen. „Mein Hauptaugenmerk liegt erst mal darauf, dass die Mannschaft sich schnell festigt", sagt Yanova, „und dass der Teamgeist gelebt wird. Das ist für mich sehr wichtig.“           

Seit zwei Jahren ist der BAK die unumstrittene Nummer drei in Berlin, doch mit der Fusion von Viktoria und dem LFC und dem anschließenden Aufstieg von Viktoria gibt es plötzlich starke Konkurrenz.

 Und der neue Trainer sieht auch, dass der BAK noch viel im organisatorischen Bereich zu tun hat: Öffentlichkeitsarbeit und Jugendarbeit müssen gefördert werden. „Wenn man das als Maßstab nimmt“, erläutert Yanova, „sind wir nicht die dritte Macht.“ Auf dem Papier mag der Klub diesen nervigen Titel derzeit zwar halten, aber Viktoria hat jetzt durch die Fusion mit Lichterfelde die größte Jugendabteilung Deutschlands. „Da können wir nicht mithalten“, sagt der BAK-Coach. 

Ikarus hatte aber nicht nur die Sonne als Problem. Wenn er nicht hoch genug geflogen wäre, wären seine Flügel durch die Feuchtigkeit des Meeres nass und nutzlos geworden. Zu hohe Ziele sind also schlecht, zu niedrige oder gar keine aber auch. Deswegen hat Yanova eine klare Vision für seine Mannschaft: 

In der vergangenen Saison wurde viel Kritik an der niedrigen Torausbeute der Moabiter geübt. 1:0 und 0:0 waren häufige Ergebnisse im Poststadion. Jetzt will Yanova die auf Ballbesitz und Offensive ausgerichtete Guardiola-Philosophie mit der pragmatischen Mourinho-Philosophie mischen: „Das Ergebnis spielt natürlich auch eine Rolle – wir wollen nicht an Schönheit sterben“.

Es gibt allerdings noch viel zu tun, bevor man Yanovas BAK sehen wird. „Wenn wir meine Idee von Fußball von Spiel zu Spiel besser umsetzen können, werden wir bald eine recht ansehnliche Mannschaft haben“ sagt Yanova. Ambition mit Bescheidenheit: das hätte Diadalos gut gefunden.

Der Autor: Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins "No Dice". Für den Tagesspiegel schreibt Glennon ab sofort immer Freitags über den Berliner Fußball.

Berlins Topspiel der Woche:

FC Viktoria 1889 Berlin - Berliner Athletik Klub 07 (Regionalliga Nordost, 1. Spieltag)

Stadion Lichterfelde, 03.08.2013, 13:30 

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben