Kolumne Berliner Fußball : Endlich Oktober, endlich Spitzenspiel

Unser Kolumnist Stephen Glennon freut sich, denn endlich ist es Zeit für das erste richtige Spitzenspiel dieser Saison. Mit Mahlsdorf und Stern 1900 treffen dabei zwei Teams aufeinander, die in der sonst unberechenbaren Berlin-Liga für Konstanz stehen.

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Konzentriert und Konstant. Der SFC Stern 1900 empfängt den Spitzenreiter Mahlsdorf zum Topspiel auf dem Sportplatz an der Schildhornstraße.
Konzentriert und Konstant. Der SFC Stern 1900 empfängt den Spitzenreiter Mahlsdorf zum Topspiel auf dem Sportplatz an der...Foto: Ian Stenhouse/No Dice Magazine

August ist geil. Es gibt Sonne und nach zwei Monaten Pause es auch endlich wieder Fußball. Man wählt einfach ein Spiel aus, egal welches, und sitzt in der Sonne, vielleicht mit einem Bier, und schaut sich die hoffnungsvollen Spieler an. Im August ist alles noch möglich. Der Abstiegskandidat vom letzten Jahr könnte dieses Jahr die Meisterschaft gewinnen und der, der die Meisterschaft knapp verpasst hat, könnte dieses Jahr absteigen. Vor allem in der unberechenbaren Berlin-Liga.

Dann kommt der September. Es ist immer noch alles möglich, aber mit Einschränkungen. Man kann grob sehen, wer nach oben strebt und wer nach unten. Spitzenspiele gibt es aber nicht wirklich – nach vier oder fünf Spieltagen hat die Tabelle noch keine große Bedeutung. Aber dann kommt der Oktober. Es ist kälter, ja, aber der Fußball wird schöner. Am zehnten Spieltag ist fast ein Drittel der Saison absolviert. Und jetzt am Samstag ist es endlich so weit: das erste echte Topspiel der Saison steht an. Stern 1900, Tabellenzweiter, trifft Eintracht Mahlsdorf, Tabellenführer (15 Uhr, Sportplatz Schildhornstraße).

Stabilität statt rücksichtslosem Erfolg

Beides sind bemerkenswerte Vereine: der erste ist seit sechs Jahren stabil in der Berlin-Liga, der zweite seit sieben. Dass beide Klubs eher nach Stabilität als nach schnellem, rücksichtslosem Erfolg streben, wird schnell klar. Doch nach Gesprächen mit beiden Trainern findet man interessanterweise heraus, dass die Basis für die jeweilige Konstanz sehr unterschiedlich ist. „Die Spieler fühlen sich hier beheimatet. Wir sind ein familiärer Verein“, sagt Mahlsdorfs Co-Trainer Björn Bienert, der seit Anfang der Saison die Mannschaft in Zusammenarbeit mit Thorsten Boer leitet. Der größte Vorteil daran ist, dass Topstürmer Christoph Zorn trotz Angeboten aus Ober- und Regionalliga immer noch in Mahlsdorf ist. Diese Saison hat er schon wieder neun Tore in neun Spielen geschossen, in den vorangegangenen drei Spielzeiten waren es insgesamt 80 Treffer.

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14.10.2012, Sömmeringstraße: Brandenburg 03 gegen Türkiyemspor (Berliner-Pilsner-Pokal).Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: Ian Stenhouse
18.10.2012 21:4414.10.2012, Sömmeringstraße: Brandenburg 03 gegen Türkiyemspor (Berliner-Pilsner-Pokal).

„Es hat damit zu tun, dass so ein Spieler sich sehr wohl bei uns fühlt,“ erklärt Bienert. Das gilt nicht nur für Zorn, sondern auch für die ganze Mannschaft.  Stern 1900, auf der anderen Seite, hat eine junge Truppe, die noch nicht so lange zusammen spielt. Trainer Manuel Cornelius ist seit zwei Jahren im Amt und erklärt, „seitdem ich da bin, habe ich einen Umbruch gestartet und es gibt nur sechs oder sieben Leute, die von Anfang an dabei sind." Worauf begründet sich dann die Konstanz von Stern 1900? „Wir arbeiten einfach“, lautet die simple Antwort von Cornelius. „Wir haben keine Hirngespinste, Dinge zu erreichen, die nicht zu uns passen. Wir haben eine gute Struktur bei uns, ohne dass wir die erste Herrenmannschaft unbedingt nach oben pushen müssen.“ 

Lohnt sich die Oberliga? Garantiert nicht!

Die nächste große Frage ist: wollen die beiden Vereine tatsächlich ihre Stabilität durch einen möglichen Aufstieg in die Oberliga riskieren? Hier gibt es dann doch Ähnlichkeiten zwischen den beiden: „Es ist nicht das erklärte Ziel, aber wenn wir die Meisterschaft gewinnen sollten, würden wir auf jeden Fall überlegen, diesen Schritt zu gehen,“ meint Cornelius. Und aus Mahlsdorf heißt es: „wenn man die Chance hat, klar, wird man zugreifen“. Bienert macht aber Einschränkungen. „Ob es sich lohnt? Garantiert nicht. Es hat nur sportlichen Reiz.“ Umso wichtiger ist es dann, dass ein aufsteigender Verein eine solide finanzielle Basis hat, und Cornelius und Bienert sind beide sicher, dass die Struktur bei ihnen stimmt. In diesem Sinne kann man eine positive Zukunft für beide sehen, egal wer Aufsteigt.

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1 von 317Foto: Kai-Uwe Heinrich
02.12.2016 16:40Die Perlen unter den Gaststätten im Berliner Amateurfußball. Und so morbide wie dieses Tor in Charlottenburg ist auch der Zustand...

 Es ist sehr interessant, dass die Vereine im Aufstiegskampf ständig nur über Geld sprechen. Man hört niemals, dass die Oberliga einfach fußballerisch zu stark für Berlin-Liga Mannschaften sei. Der Grund dafür: es gibt keine großen Unterschiede im Niveau zwischen Berlin- und Oberliga. Hürtürkel, Lichtenberg und Altglienicke, die letzten drei Aufsteiger, kommen mit den fußballerischen Herausforderungen in der fünfthöchsten Spielklasse bestens klar. Es scheint auch logisch.  Als die Regionalliga vor zwei Jahren aufgestockt wurde, sind gleich fünf Teams nach oben abgewandert. Die Liga hat sich von diesem Qualitätsverlust noch nicht erholt. „Der Sprung ist jetzt nicht mehr so groß“,  meint auch Stern-Coach Cornelius. 

Die Partie am Samstag wird nicht darüber entscheiden, wer diesen Sprung machen darf. Ein ganz wichtiges Spiel ist es trotzdem. Mahlsdorfs Serie von 13 Pflichtspielen ohne Punktverlust wurde am Wochenende überraschend von Tasmania beendet. Vielleicht ein hilfreicher Weckruf, denn nach so vielen erfolgreichen Spielen kann Selbstgefälligkeit eintreten. Das wird am Samstag wohl nicht der Fall sein. „Wir haben uns gegen Stern immer schwer getan über die letzten Jahre", sagt Bienert. Manuel Cornelius ist genauso vorsichtig. „Ich erwarte ein gutes, schnelles, temporeiches Spiel. Mahlsdorf ist nach dem Trainerwechsel deutlich besser geworden.“ Am Samstag wird Oktoberwetter erwartet: feucht, kühl, wolkig. Jetzt wird’s endlich ernst.

Berlins Topspiel der Woche: SFC Stern 1900 - BSV Eintracht Mahlsdorf (Berlin-Liga, 10. Spieltag); 15 Uhr Uhr, Sportplatz Schildhornstraße

Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins No Dice.  Für den Tagesspiegel schreibt Glennon immer freitags über den Berliner Fußball.

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