Kolumne Berliner Fußball : Winterquälerei für Liga sechs

Pünktlich zum Ende der Winterpause in der Berlin-Liga ist auch unser Kolumnist Stephen Glennon wieder unterwegs. Beim Berliner SC ist er der Frage nachgegangen, woher Amateurfußballer eigentlich die Motivation nehmen, sich bei Minusgraden und Schnee zum Training zu quälen.

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Winterzeit ist trotzdem Trainingszeit. Die Sportanlage des Berliner SC an der Hubertusstraße. (Bild vom Dezember 2012)
Winterzeit ist trotzdem Trainingszeit. Die Sportanlage des Berliner SC an der Hubertusstraße. (Bild vom Dezember 2012)Foto: Ian Stenhouse (No Dice Magazine)

Wissen Sie noch, was Sie am 13. Januar gemacht haben? Das war ein Montag, und es war, meteorologisch gesehen, arschkalt. Minus sechs Grad hatte es, vielleicht sogar minus neun. Jedenfalls zu viel minus. Wenn Sie nach draußen mussten, dann wahrscheinlich nur so kurz wie möglich und dick eingepackt. Lange Unterhosen, sieben oder acht T-Shirts unter zwei bis drei Pullis und mindestens eine dicke Winterjacke. So hat man eine ganz gute Überlebenschance, vor allem wenn man noch ein bisschen Winterspeck nach der ausgiebigen Weihnachtzeit trägt.

Am Abend des kalten, dunklen und windigen 13. Januar haben die Fußballspieler des Berliner Sportclubs (BSC) angefangen, wieder zu trainieren. Sie durften keinen Winterspeck haben. Sie mussten leichte Trikots anziehen und sie mussten eine Stunde lang draußen herumrennen und mit einem blöden Fußball spielen. Bei minus sechs Grad. Oder minus Neun. Ohne zu meckern. Und das auch noch am Abend eines langen Arbeitstags.

Martin Krüger, der Folterer, Verzeihung, der Trainer des BSC, berichtet, dass es „keine Motivationsprobleme“ bei seinen Spielern gab. Das ist erstaunlich. Amateurfußballer sind unglaublich. Solch ein Engagement und Leidenschaft kann man nur bewundern. Wenn ein Profifußballer Motivationsprobleme hat, muss er nur auf seinen Kontoauszug blicken, um seine Motivation wieder zu finden. Solch einen Luxus haben die Amateure nicht.

Krüger hat überlegt, ob er mit seinen Spielern in ein Trainingslager irgendwo in der Sonne geht, entschied sich aber letztendlich dagegen. Die Vorteile eines Trainingslagers sind ihm klar – angenehmere Temperaturen, Zeit mit seinen Spielern ohne Alltagsstress von Beruf- und Familieverantwortung, Teamgeistförderung – doch „aufgrund des Tabellenplatzes hat es sich nicht gelohnt,“ meinte er. „Wir sind weit weg von der Spitze, weit weg von den hinteren Plätzen, da muss man nicht unbedingt Geld ausgeben.“  Die Motivation musste also ohne Geld und Urlaub und Luxus gefunden werden.

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Der Berliner SC besetzt in der Berlin-Liga den siebten Tabellenplatz – elf Punkte vom Aufstieg und zehn Punkte vom Abstieg entfernt. Krüger will natürlich Erfolg, aber Erfolg muss man neu definieren, wenn die Aufstiegsmöglichkeit nicht mehr vorhanden und der Abstieg sehr unwahrscheinlich ist. „Erfolg würde ich nicht am Tabellenplatz festmachen“, sagt er. „Ein einstelliger Rang wäre schön, aber wichtiger ist, dass wir uns als Team weiterentwickeln.“ Krüger hat schon einen Schwerpunkt identifiziert. „In der Hinrunde haben wir manchmal gegen schwächere Mannschaften schwach gespielt“, meint er. „Das ist ein Mentalitätsproblem. Das liegt daran, dass wir eine junge Mannschaft sind, die noch wachsen muss.“

Der Coach wollte auch keine großen Änderungen in seinem Kader. Es gibt nur zwei Neuverpflichtungen und vier Abgänge – einer davon berufsbedingt. Mit diesen beständigen Bedingungen spielt der BSC am Sonntag gegen Tasmania (14 Uhr, Julius-Hirsch-Sportanlage), bei denen die Situation sehr ähnlich ist: fest im Mittelfeld ohne große Abstiegssorgen.

Krüger freut sich auf das Spiel macht aber keine Prognose. „Im Amateursport ist es von Woche zu Woche schwer vorherzusagen, wie die Motivation ist. Die unterschiedlichen Einflüsse kann man als Trainer oder auch selbst als Spieler nicht wirklich beeinflussen.“ Ah, Motivation schon wieder. Woher die kommt, kann man nicht sagen. Die Spieler wissen es selber wahrscheinlich auch nicht. Motivation für Amateure ist Abstrakt. Es ist sehr persönlich. Es kann nicht definiert werden und ist für jeden Spieler anders.

Wenn Sie diese Motivation mal persönlich bewundern wollen, dann könnten Sie ja am Sonntag im Eichkamp vorbeischauen. Die Spieler haben einen Monat lang für dieses Spiel trainiert und gelitten. Es wird übrigens um die zwölf Grad warm sein, für die Kicker des BSC also fast tropische Verhältnisse.

Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins „No Dice“. Für den Tagesspiegel schreibt Glennon immer freitags über den Berliner Fußball.

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