Berlin-Sport : Schach im Seniorenheim

Bundesligist Neukölln kämpft um sein Spiellokal

Sonja Beckmann

Hektische, ziellose Schritte zwischen den einzelnen Zügen, zuckende Beine, nervöses Kopfnicken – es waren die Bewegungen, die außerordentliche Spannung verrieten. Die Schachfreunde Neukölln stecken im Abstiegskampf der Bundesliga, sie mussten am Wochenende gegen den unmittelbaren Konkurrenten SV Hofheim unbedingt punkten.

Und dann, nach nervenaufreibenden Momenten, löste sich die Spannung. „Soll erfüllt“, sagte Neuköllns Mannschaftskapitän Rainer Polzin zufrieden. 5,5:2,5 hatten die Neuköllner gewonnen. Sie zogen damit in der Tabelle an den Hessen vorbei. Hofheim verlor anschließend auch noch sein Spiel gegen den SC Kreuzberg.

Damit steht fest: Neukölln hat den Klassenerhalt so gut wie geschafft, obwohl noch vier Spieltage ausstehen. Dass Polzin und seine Kollegen gestern noch gegen die Schachgemeinschaft Porz aus Köln klar verloren – geschenkt. Der mehrfache deutsche Meister Porz hat acht Großmeister und steht mit elf Siegen aus elf Begegnungen an der Tabellenspitze. Die Niederlage war eingeplant.

Seit 1997 spielen die Schachfreunde Neukölln in der Bundesliga. Sie gehören wie der SC Kreuzberg zu den wenigen Teams, die mit Ausnahme einiger ausländischer Profis nur mit Amateuren antreten. „Wir bieten Spitzensport, haben aber zusätzlich eine breite Basis“, sagt Polzin. „Wichtig ist uns, dass auch Neuköllner spielen und nicht bloß teuer eingekaufte Spieler.“

In diesem Klub geht es nicht bloß um Zahlen, um Niederlagen und Siege, um kalte Soll-Haben-Rechnungen. Es geht auch um Atmosphäre, um Zusammenhalt und um die Nestwärme, die ein Verein bieten kann. Der Kern des Teams spielt schon seit zehn Jahren zusammen. Die Kontrahenten der Neuköllner sitzen aber nicht bloß am Schachtisch, sondern auch an den Schreibtischen der Bezirksverwaltung. Der Neuköllner Sozialstadtrat Michael Büge hat dem Klub mitgeteilt, dass der Bezirk in Zukunft Gebühren für die Nutzung des Spiellokals „Böhmisches Dorf“, ein Seniorenheim, erheben wird. Müssten sie diesen Betrag bezahlen, dann würde das fast die gesamten Mitgliedsbeiträge aufzehren. Die Schachfreunde sagen, dass der Bezirk verpflichtet sei, ihnen kostenlos einen geeigneten Raum zur Verfügung zu stellen.

Dem Bezirk geht es ums Geld, dem Verein geht es um seine Seele. Wenn sich die Schachfreunde und die Verwaltung nicht einigen können, dann könnte es zum Schlimmsten kommen. Der Verein müsste Neukölln wohl verlassen. Und er müsste dann auch seinen Namen ändern. Jörg Schulz, den Vereinsvorsitzenden, träfe das ins Mark. „Wir stehen als Verein in einer mehr als 100-jährigen Tradition“, sagt Schulz.

Aber jetzt müssen sie sich in Neukölln erst mal auf das Sportliche konzentrieren, um den Klassenerhalt endgültig zu sichern. Zur letzten Heimspielrunde am 12. und 13. März werden die Schachfreunde Neukölln mit dem Norweger Magnus Carlsen antreten. Der 14-Jährige ist der jüngste amtierende Großmeister und gilt als Schachgenie – spätestens seit Garri Kasparow gegen ihn nur mit Mühe ein Remis retten konnte. Den ersten Kontakt zu Großmeister Carlsen knüpften die Neuköllner beim Schach-Europacup auf Kreta. Allerdings nicht am Schachtisch, sondern als sie im Swimmingpool Wasserball spielten.

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