Berlin-Sport : Schmerz und Schminke

Bei den Berliner Meisterschaften im Latein-Tanz begeistert der Nachwuchs

Jörg Petrasch

Es gibt Tanzveranstaltungen, da gehen die Damen gerne zusammen auf die Toilette, um die Nase zu pudern. Dass es auch pragmatischer geht, bewiesen einige Frauen am vergangenen Samstagabend im Palais am See in Tegel. Schließlich waren sie auch Sportlerinnen. Die festlich gekleideten Tänzerinnen schminkten sich während der Berliner Meisterschaften im Latein-Tanz im Saal nach. Manchmal auf dem Boden sitzend mit einem kleinen Taschenspiegel, manchmal vor einem drei Meter hohen Wandspiegel im Verpflegungsbereich. Und die Herren standen daneben. Das Schminken gehört einfach zum Tanzsport wie die Musik.

Genauso wie die Lautstärke. Die 800 Zuschauer, die sich am Rand der Tanzfläche sowie auf der Empore drängten, heizten den Saal auf. Es war eine Stimmung fast wie in einem Boxtempel. Gelungene Aktionen wurden heftig beklatscht. Viele Zuschauer, auch manche, die in Kleid oder Anzug gekommen waren, schrien die Namen ihrer Favoriten mit voller Lautstärke heraus. „Trotzdem besitzt dieser Ballsaal ein besonderes Flair“, sagt Roger Helm, Vorsitzender des Veranstalters TC Rubin. Das Flair gefiel auch dem Siegerpaar der A-Klasse, der so genannten „Kronprinzen-Klasse“, Dmitry Barov und Veronika Golodneva vom OTK Schwarz-Weiß. Normalerweise tanzen die Sportler in Turnhallen. „Die Atmosphäre war aber sehr gut hier“, sagt der 18-jährige Barov, der mit seiner ein Jahr jüngeren Partnerin erst seit rund zwei Monaten zusammen tanzt. Golodneva ist extra aus Kaliningrad (Russland) gekommen, um mit dem Gymnasiasten Barov ein Tanz-Paar zu bilden. Und das funktionierte bisher sehr gut.

Das Latein-Paar, das sechs Mal die Woche bis zu vier Stunden trainiert, gewann in seiner selbstbewussten und eleganten Art alle fünf Tänze: die Samba, den Cha-Cha-Cha, die Rumba, den Paso Doble und den Jive – und am Sonntag dann ebenso die Berliner Meisterschaft in der Jugendklasse. Am Rand der Tanzfläche swingten dann auch schon mal einige der sieben Kampfrichter mit. Zusammen mit dem zweitplatzierten Paar Alexander Parhomovski und Antonina Skobina (beide 16 Jahre) und den Dritten, den 17-jährigen Stanislav Zubik und Maria Albert, stiegen die drei Nachwuchspaare von der A-Klasse in die S-Klasse, die Sonderklasse, auf. Höher geht es beim Tanzen nicht. Den Titel in dieser Klasse sicherten sich am Wochenende Sergey Tatarenko und Viktoria Lischynska, beide sind auch noch Anfang zwanzig.

Nicht nur wegen dieser Sieger-Paare muss sich der Berliner Tanzsportverband um die unmittelbare Zukunft keine große Sorgen machen. Zur Zeit tanzen rund 5250 Sportler in 61 Vereinen. Neben Standard und Latein in Paar und Formation kann man in Berlin aber auch Jazz und Modern oder Rock ’n’ Roll tanzen. Diese Vielfalt zeigte sich an den Zuschauern: Neben den aktiven Tänzern und Hobbytänzern waren auch viele Kinder anwesend, die dann in den Turnierpausen auf die Tanzfläche hüpften.

Während des Wettkampfes wäre es für die Kinder allerdings gefährlich geworden. Blaue Flecken sind keine Seltenheit. Ab und zu reißt sogar ein Kleid, dann muss eine Sicherheitsnadel aushelfen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben