Berlin-Sport : Spielabbrüche und Überfälle

Verbände und Klubs kämpfen gegen die Gewalt im Berliner Amateurfußball – mit ersten Erfolgen

Jens Poggenpohl

Volkan A. beteuert immer wieder, wie sehr er das alles bedauere. Dann steht er auf und gibt einem Opfer die Hand. „So etwas darf nicht vorkommen“, sagt er. Bereits vor dem Prozess im Amtsgericht Tiergarten hat er sich auf dem Flur vor laufenden Fernsehkameras beim Schiedsrichter dieses schrecklichen Fußballspiels entschuldigt. Am 20. Mai 2004 hatten Volkan A. und seine Mannschaft KSF Umutspor IV erst das Pokalendspiel in der Kreisklasse gegen SF Neukölln-Rudow III verloren – und dann die Nerven.

Volkan A. ist angeklagt, nach dem Spiel dem Schiedsrichter ins Gesicht gespuckt und gegen den Knöchel getreten zu haben, ehe er später „wahllos auf Zuschauer eingeschlagen“ habe. Er gesteht fast alles, es bleibt ihm auch nichts anderes übrig. Denn es gibt nicht nur die vier Zeugen, die von einem Überfall berichten. Ein Video zeigt, wie Volkan A. und Mitspieler auf Gegenspieler losgehen. Das Urteil: Ein Jahr Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und jeweils 200 Euro Schmerzensgeld an die Opfer. Ein Mitspieler kam mit einer Geldstrafe von 600 Euro davon, vier weitere müssen sich noch verantworten.

Der Fall ist extrem, aber nicht einzigartig. Im Juni 2005 erstattete der Fußballverband Mittelrhein Strafanzeige gegen Spieler – ein Novum in der deutschen Fußball-Geschichte. Kölner A-Jugendliche hatten einen Schiedsrichter krankenhausreif geschlagen und getreten, andere hatten einem Schiedsrichter aufgelauert, um ihm seine 20 Euro Spesen abzunehmen. Im Oktober würgte ein Spieler in Bad Tölz den Schiedsrichter und schrie: „Ich bring dich um!“ Der gab später zu Protokoll, er habe sich in einer „lebensbedrohlichen Lage“ gefühlt.

Solche Fälle machen glauben, dass der alltägliche Wahnsinn im Amateurfußball immer schlimmer wird. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Es gibt einen Unterschied zwischen der Wahrnehmung – der Medien und Gerichte, der Vereine und Verbände – sowie den Fakten. So zählte in der vergangenen Saison der Berliner Fußball-Verband (BFV) 88 Spielabbrüche. 1017 Vorfälle bei Jugendspielen und 750 bei den Männern landeten vor dem Sportgericht – bei 25 000 Spielen insgesamt. In dieser Saison lautet die Halbzeitbilanz der Gewalt: 24 Spielabbrüche und 1030 Verhandlungen vor dem Sportgericht. Das sind viele, aber zumindest steigen die Zahlen nicht mehr. Viel hat das mit dem Engagement von Gerd Liesegang zu tun. Vor sieben Jahren hat Liesegang die „AG Anti-Gewalt“ gegründet. „Wir haben es geschafft, dass die Vereine umdenken“, sagt Liesegang heute. Seit einem Jahr heißt das Projekt „AG Fairplay“, um das Positive zu betonen – zum Beispiel mit der „Fair-Play-Geste des Monats“.

Problemfälle gibt es nach wie vor genug – je tiefer die Spielklasse, desto mehr. Liesegangs größte Sorge gilt dem Nachwuchs. Die meisten der 6000 Betreuer dort arbeiten ehrenamtlich, „die Vereine sind auf jeden angewiesen“, aber nicht jeder sei als Pädagoge geboren. Häufig wüssten Trainer und Betreuer nicht um ihre Vorbildfunktion. „Wenn ich mich mehr mit dem Schiri beschäftige als meinen Jungs zu sagen, dass sie sich nach Fouls zu entschuldigen haben und dass da kein Feind, sondern ein Sportkamerad steht, dann muss ich mich nicht wundern“, sagt Liesegang.

Fachleute für Erziehung gibt es, aber kaum Geld. Das Berliner Präventionsmodell, eine Beratungsstelle, ist seit November nur noch ehrenamtlich besetzt. Der sportliche Erfolg, sagt Liesegang, stünde immer noch viel zu sehr im Mittelpunkt. Das gelte gerade für die Eltern – „ein Riesenproblem“, denn viel zu oft muss ein Zehnjähriger den verspäteten Ehrgeiz seines Vaters befriedigen. Der BFV hat unter D-Jugendlichen eine Umfrage dazu durchgeführt. Das Ergebnis: Viele Kinder schämen sich für das, was ihre Eltern an der Seitenlinie veranstalten.

Den Schiedsrichter zu beschimpfen, gehört in den unteren Ligen zur Folklore. 250 Schiedsrichter fangen pro Saison neu an, genauso viele hören auf. „Das sind Einzelkämpfer“, sagt Liesegang, „die fahren irgendwo hin, kennen keinen Menschen, hören kein ,Guten Tag’, sondern nur Kritik.“ Viele Schiedsrichter im Jugendbereich sind selbst erst 14 oder 15 Jahre alt. Liesegang wünscht sich mehr Verständnis für ihre Lage. Aber er weiß auch, dass ihre Ausbildung besser sein könnte. Drei Stunden zum Thema Körpersprache und Deeskalation müssen reichen.

Täter können in Berlin ihre Strafe verringern, indem sie einen Anti-Gewalt-Kurs von 15 Stunden besuchen. Keiner von bislang 50 Teilnehmern wurde rückfällig. Den Opfern bietet Rechtsanwalt Jürgen Lischeswki seit zweieinhalb Jahren eine kostenfreie Beratung an – eine bundesweit einmalige Hilfe. Viele wüssten nicht, welche Rechte sie haben, wie sie Schadenersatz oder Schmerzensgeld erhielten, wer für sie überhaupt zuständig sei. Lischewski findet es wichtig, dass die Gerichte „Wald-und-Wiesen-Delikte wie einfache Körperverletzungen oder Bedrohungen ernster nehmen als früher“. Viele seinerKlienten sind Opfer der anhaltenden Teilung Berlins. „Wir sind noch nicht in einer Stadt“, bestätigt Gerd Liesegang. Bei Ost-West-Vergleichen steige die Gefahr. Jedenfalls sei das Gewaltproblem kein vorrangiges Problem der Migranten. „Es kann jeden erwischen.“ Was nicht heißt, dass es zwischen Deutschen und Migranten keine speziellen Konflikte geben würde. „Wenn die 45 Minuten lang ,Du Scheiß-Kanake’ hören, drehen die durch. Die Deutschen sind cleverer – man kann die Beleidigungen ja in den seltensten Fällen nachweisen.“ Wenn zudem die sprachlichen Mittel fehlen und die Grenze zwischen empfundener und tatsächlicher Beleidigung verschwimmt – dann glauben viele, sich wehren zu müssen.

Vom „Gefühl, ungerecht behandelt zu werden“, spricht Mehmet Koc, Geschäftsführer des KSF Umutspor. Die vierte Mannschaft war sein Integrationsprojekt. Neben gewöhnlichen Freizeitkickern spielten hier auch Rauschgiftdealer. Koc, hauptberuflich Sozialarbeiter, hat die Mannschaft bis zum Mai 2004 betreut. „Drei Jahre ist nichts passiert – und dann so etwas.“ Koc sagt, dass niemand ohne Grund zugeschlagen habe, dass betrunkene Neuköllner Fans seine Spieler provoziert hätten.

Vor Gericht war davon wenig zu hören, auch Volkan A. hat das nur am Rande erwähnt. Nach dem Urteil sieht er müde aus. Er weiß, dass er nicht hätte ausrasten dürfen. Volkan A. absolviert seit Anfang 2003 eine Ausbildung als Erzieher – das ist die bittere Pointe seines Prozesses. Sein Arbeitgeber hat ihm schriftlich versichert, dass er im Frühjahr, wenn seine Ausbildung endet, als Vorbestrafter keine Chance auf eine Anstellung habe. Seine zweijährige Sperre läuft im Sommer ab. Er wird nicht wieder Fußball spielen. „Das hat doch alles keinen Sinn“, sagt er, bevor er geht.

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