Sprachförderung im Fußballtraining : Freistoß für falsches Deutsch

Der Verein Viktoria Mitte ist für seine ungewöhnlichen Methoden zur Sprach- und Integrationsförderung ausgezeichnet worden. Jugendleiter Lyés Bouziane spricht im Interview über "linguistische Freistöße", Rauchverbot auf dem Fußballplatz und die Integrationsarbeit im Multikulti-Kiez.

Immer montags werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.
Immer montags werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.Foto: promo

Herr Bouziane, Ihr Verein hat für das Projekt „Sprachförderung durch Sport“ den Silbernen Stern des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) erhalten. Bei Ihnen wird im Training das Spiel unterbrochen, wenn jemand falsches Deutsch oder Schimpfwörter benutzt?

Richtig, Wir haben bei den Jugendmannschaften eingeführt, dass es in Trainingsspielen „linguistische Freistöße“ für falschen Sprachgebrauch gibt. Auch soll ausschließlich Deutsch gesprochen werden. Wer Schimpfwörter benutzt oder zu grob wird, bekommt eine Zeitstrafe und muss sich entschuldigen. Wichtig ist uns dabei aber immer, dass wir mit den Kindern darüber sprechen. Sie sollen verstehen, worum es geht, und lernen, sich selbst zu korrigieren und zu entschuldigen.

Wie kam es zu diesem Projekt?

Vor zwei Jahren haben wir eine Kooperation mit der Gustav-Falk-Grundschule gestartet, an der 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Einmal die Woche leiten wir dort eine Fußball-AG mit Schülern der Schule. Mir ist von Beginn an der raue Umgangston aufgefallen und so habe ich mir überlegt, wie man am besten dagegen vorgehen kann. Es ging mir einfach darum, eine Grundlinie im gemeinsamen Umgang zu schaffen und den teilweise schlechten Gewohnheiten mit ganz einfachen Mitteln entgegenzuwirken. Im Nachhinein habe ich diesen Ansatz dann auch auf die Arbeit im Verein übertragen.

Welche weiteren Maßnahmen gibt es bei Viktoria Mitte? 

Alle Mannschaften, von den Jüngsten bis zu den Erwachsenen-Teams, tragen die gleiche Spielkleidung. Das soll eine gewisse Gleichwertigkeit signalisieren und Neid-Tendenzen verhindern. Wir legen außerdem viel Wert darauf, dass auch die Eltern auf dem Sportplatz nur auf Deutsch mit ihren Kindern reden, damit eine gemeinsame Basis da ist. Auch sollte auf der Anlage nicht geraucht oder Alkohol getrunken wird. Dadurch wollen wir insgesamt einfach ein angenehmes und kinderfreundliches Klima schaffen.

Wie ist die Resonanz der Eltern auf diese ungewöhnlichen Maßnahmen?

Im Grunde sehr positiv. Es sind auch schon einige zu uns gekommen, gerade weil bei uns einfach eine sehr angenehme Atmosphäre herrscht. Das bekommen die Leute mit, teilweise wechseln sogar Kinder von anderen Vereinen zu uns.

Mit Spaß beim Training: Kinder und Trainer von Viktoria Mitte
Mit Spaß beim Training: Kinder und Trainer von Viktoria MitteFoto: privat

Haben Sie noch ähnliche Projekte laufen wie die Fußball-AG an der Gustav-Falk-Schule?

Ja, wir sind gerade dabei, eine Kooperation mit der Helene-Haeusler-Schule in Prenzlauer Berg zur sportlichen Förderung von Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen aufzubauen. Dabei setzen wir auch Kinder aus unserem Verein als Helfer ein, um sie im Umgang mit Menschen mit Behinderung zu schulen.

Das Thema Integration ist in den letzten Monaten sehr präsent. Welchen Beitrag kann ein Sportverein wie Ihrer dabei leisten?

Es liegt viel an den Strukturen in den jeweiligen Kiezen. Wir haben dabei den Luxus, dass wir genau im Dreieck zwischen Mitte, Wedding und Prenzlauer Berg beheimatet sind, wo es eine sehr starke Durchmischung gibt. Hier prallen wirklich Welten aufeinander und deshalb versuchen wir eine Art der Zusammenführung der verschiedenen Gruppen, die diesen Umständen auch angepasst ist.

Wie nehmen Sie die öffentliche Integrationsdebatte der letzten Monate wahr? Ziehen Sie daraus Rückschlusse für die Arbeit in Ihrem Klub?

Es ist in letzter Zeit so viel zu lesen; Integration ist aber ein sehr weit gefächertes Gebiet. Ein Sportverein ist letztlich ein Mikroorganismus der durch die einfache tägliche Arbeit auf einer kleinen Ebene viel leisten kann. Durch Sport kann Aggressionspotenzial abgebaut werden und wir versuchen, dabei einen entspannten Umgang miteinander zu vermitteln. Natürlich muss man auch mal Mist bauen dürfen. Wir haben nicht den Anspruch, Musterkinder zu züchten. Wenn man aber gewisse Dinge im frühesten Alter fördert, nimmt man Tendenzen hin zu einer Verrohung oder „Ghettoisierung“ frühzeitig den Boden. Wir versuchen auch, allen bei uns das Gefühl zu geben, gleichwertig zu sein und die gleichen Chancen zu haben.

Das Interview führte Axel Gustke.

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