Berlin-Sport : Tanz, Glanz und Vorurteile

Ein Festball zwischen gestern und heute: Der Landestanzsportverband Berlin feiert 50-jähriges Bestehen und ist stolz auf seine erfolgreiche Jugendarbeit

Patrick Bauer

Wenn Oxana Lebedew am nächsten Samstag mit ihrem Partner Sergey Oseychuk tanzen geht, dann geht es um viel. Nicht etwa um die normalen Probleme und Freuden einer 18-Jährigen, schließlich sucht Lebedew nicht einfach nur ein bisschen Wochenend-Spaß. Sie tanzt um den Weltmeistertitel. Die deutschen Meister 2004 vom Berliner Ahorn Club treten in den Lateinamerikanischen Tänzen an und gehören zu den großen Nachwuchs-Hoffnungen des deutschen Tanzsports.

Als Lebedew am Samstagabend im Sport- und Freizeitzentrum Siemensstadt im knappen schwarzen Ballkleid dem Landestanzsportverband (LTV) Berlin zu seinem 50-jährigem Bestehen gratulierte, da senkte sie nicht nur den Altersdurchschnitt der vielen festlich gekleideten Besucher, sie war für LTV-Präsident Franz Allert auch das perfekte Gesicht zur richtigen Zeit. Jung, schön und modern. Denn eines wiederholte Allert an diesem Abend vor Gästen aus Sport und Politik immer wieder: „Wir sind der erfolgreichste Jugendverband, und darauf sind wir stolz.“ Vier Weltmeister- und 38 Deutsche-Meister-Titel gingen seit der Verbandsgründung 1955 an junge Tänzer aus Berlin, obwohl der Verband zu den kleineren in Deutschland gehört. „Tanzen bietet jungen Menschen Bewegung und Musik. Die modernen Tänze wie Jazz Dance kommen der Disco ja sehr nahe“, sagt Allert. Das jährliche „Summer Dance Festival“ ist das größte Jugentanzsport-Event Europas. Allen Vorurteilen zum Trotz.

Und dennoch: Später, als der Festball mit dem Radetzky-Marsch beginnt, große Lampions über dem Parkett leuchten, es nach Parfüm und frisch gezapftem Bier riecht und die Fliegen zurecht gerückt werden, da wirkt es, als sei die Zeit stehen geblieben. Ein etwas antiquierter Glanz aus sorglosen Zeiten in einer Sporthalle mit Alt-Berliner Charme.

Kleine Mädchen, in grellgelbe Kleidchen gesteckt, ziehen ihre schüchternen Partner auf die Tanzfläche. Rudi Hubert schaut mit glänzenden Augen zu. Dieser Elan, diese Disziplin. Tanzen war sein Leben, ist es noch immer, auch wenn der 85-Jährige selbst nicht mehr aktiv ist. Als Hubert mit ein paar hundert Tanzfreunden 1955 den Berliner Verband gründete, war er gerade Berliner Meister geworden. Es herrschte Aufschwung, Rock-and-Roll sollte die Nachkriegs-Depression verscheuchen. „Tanzen war damals ganz normal“, sagt Hubert, „es war Teil der Erziehung und brachte uns gutes Benehmen bei.“ Er freue sich, dass noch heute trotz vieler privater Tanzschulen die Jugend in die Vereine komme, „aber über manche neue Disziplin kann man geteilter Meinung sein.“ Von Cheerleading will Hubert nun wirklich nichts wissen.

Vor einiger Zeit bekam LTV-Präsident Franz Allert, der wie sein Verband dieses Jahr 50 wird, Post vom Landesrechnungshof. Tanzen sei kein Sport. Die Empörung war groß, Sportsenator Klaus Böger (SPD) stellte sich sofort hinter den Tanzsport, und auch Peter Hanisch, Präsident des Landessport-Bunds Berlin, machte am Samstag klar: Tanzen wird weiter gefördert. Allert wünscht sich, „dass nichtolympische Disziplinen wie wir nicht aus dem Blickfeld verschwinden“. Dafür seien seine 5200 Mitglieder in den rund 60 Vereinen aber zu engagiert. Nur die dicke Festschrift, die am Abend verteilt wurde, machte Allert ein wenig Sorgen. Für manche Männer, die blätternd vor ihrem Sektglas saßen, konnte sie als Ausrede dienen. Um nicht tanzen zu müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben