Berlin-Sport : Viel zu kreativ

Das Mittelfeld ist Bayern Münchens edelster Mannschaftsteil, doch noch funktioniert er nicht

Daniel Pontzen[München]

Die orangefarbene Krawatte glänzte im Licht der Fernsehkameras, es war edles Tuch, das Felix Magath um den Hals gebunden hatte. Über dem Jackett trug er einen knallroten Anorak des Ausrüsters, ebenfalls hochwertig; wasser- und windabweisend, zweckmäßig eben. Der neue Trainer von Bayern München war erstklassig ausgestattet, ein Teil ästhetisch anspruchsvoll, der andere von wertvoller Rustikalität. So ähnlich sah es bei Magaths Heimpremiere im Mittelfeld der Bayern aus: Exquisite Qualität vorhanden, fürs Grobe wie fürs Auge, doch passte das alles noch nicht zusammen.

In Sebastian Deisler, Ze Roberto, Mehmet Scholl und Michael Ballack hatte Magath vier Spieler aufgeboten, die das Wort Spielgestaltung in der Vergangenheit häufig als persönliche Aufgabe begriffen haben, zur Absicherung stand in Torsten Frings eine weitere gelernte Offensivkraft auf dem Platz. Geballte Kreativkompetenz also, doch mit Magaths Vorstellung von temporeichem, geradlinigen Angriffsspiel war das, was die Bayern beim 1:1 gegen Hertha BSC zeigten, nicht in Einklang zu bringen.

„Wir haben generell noch Probleme umzuschalten, auf das, was er verlangt“, sagte Mehmet Scholl, der mit zunehmender Spieldauer die Regie übernahm. „Es werden andere Dinge verlangt als letztes Jahr.“ In scharfem Kontrast zu dem eher gemächlichen Angriffsspiel der vergangenen Jahre unter Ottmar Hitzfeld steht, dass Magath gewissermaßen das Rotationsprinzip auf das Spielfeld verlegt hat. Keiner der Mittelfeldspieler hatte einen festgelegten Aktionsradius, ständig tauschten sie Positionen und mussten auch in der Defensive aushelfen.

„Einige wollten es bei der Heimpremiere wohl zu gut machen“, urteilte Magath, „vielleicht haben wir deshalb in der ersten Halbzeit überhaupt nicht zu unserem Rhythmus gefunden.“ Vor der Pause erspielten sich die Bayern nicht eine Torchance. „Wir haben die Dinge verkehrt angepackt, zu viele Einzelaktionen gezeigt“, bemängelte Magath, nicht ohne einzuschränken: „Positiv stimmt mich, dass wir in der zweiten Halbzeit den Faden wiedergefunden und das Spiel gemacht haben.“ Die Besserung stellte sich allerdings erst ein, nachdem der Trainer den massiven Offensivblock gesprengt hatte, indem er Ze Roberto vom Feld nahm und mit Santa Cruz einen zweiten Stürmer brachte. Es dauerte keine zwei Minuten, ehe sich die Korrektur auszahlte: Scholl spielte Santa Cruz in den Lauf, der legte ab auf Sturmpartner Roy Makaay – 1:1. In der Folge dominierten die Bayern das Spielgeschehen, überraschende Aktionen sprangen jedoch weiterhin nur sporadisch heraus. Bis alles ineinander greift, dürfte noch einige Zeit vergehen. „Wir arbeiten daran“, versicherte Mehmet Scholl.

Nebenmann Deisler, zuletzt auf dem Weg zu alter Form, agierte gegen die ehemaligen Kollegen engagiert, aber zumeist glücklos. Ballack beteiligte sich nur episodisch an den Angriffsbemühungen, Neuzugang Torsten Frings beschränkte sich auf die Arbeit im Hintergrund. Am erfreulichsten aus Sicht der anwesenden DFB-Troika Klinsmann, Löw und Bierhoff war mit Blick auf das Münchner Mittelfeld, so etwas wie die Wirbelsäule des Projekts 2006, dass noch 22 Monate bis zum Eröffnungsspiel bleiben.

Vielleicht ist dem Thema am besten mit Geduld zu begegnen. Einer, der mittelbar Beteiligten, handhabte das in guter Gewohnheit so, zumal ihn die deutsche Perspektive nicht betrifft. Roy Makaay wollte nichts dazu sagen; tiefe Gelassenheit zählt zu seinen hervorragendsten Eigenschaften. Diesmal kleidete er sie in eine interessante Anregung: „Von mir aus können wir mit einem, zwei, drei oder vier Stürmern spielen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar