Berlin-Sport : Wiederholen und einholen

Frank Pagelsdorf stieg einst als Trainer mit Hansa auf und kehrt jetzt nach Rostock zurück – frühere Weggefährten kritisieren den Klub

Michael Rosentritt

Berlin - In Rostock wird die Zeit zurückgedreht. Zehn Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga hat der Fußball-Zweitligist FC Hansa Frank Pagelsdorf als Trainer unter Vertrag genommen. Mit dem heute 47-Jährigen waren die Hanseaten 1995 sensationell aufgestiegen. Erst im Mai diesen Jahres war der ostdeutsche Fußballverein wieder abgestiegen.

Geschichte soll sich nun wiederholen. Noch heute wird Pagelsdorf vom Anhang des FC Hansa hoch verehrt. Mit der damals jüngsten Zweitligamannschaft schaffte er den Aufstieg und führte die Mannschaft in der Bundesliga auf Platz sechs. Als er sich 1997 mit dem Verein auf eine Auflösung des laufenden Vertrages einigte und zum HSV wechselte, flossen nicht nur bei den Fans Tränen.

„Ich habe einen Vertrag bis zum Saisonende unterschrieben. Das war eine Bauchentscheidung, deswegen ging es relativ schnell“, sagte Pagelsdorf gestern. Er tritt die Nachfolge des am Sonntag entlassenen Jörg Berger an. Unter Berger, der im November 2004 das Traineramt bei Hansa übernommen hatte, gingen die ersten beiden Spiele der Zweitligasaison verloren. Frank Pagelsdorf, der den HSV zwischenzeitlich in die Champions League geführt hatte, war zuletzt als Trainer in Dubai tätig. „Keine Angst, die meisten Spieler kenne ich, zum Teil ja noch persönlich“, sagt Pagelsdorf. Gestern hatte er sich ausführlich mit Berger, „mit dem ich befreundet bin“, unterhalten. Heute will er mit der Mannschaft sprechen. „Jetzt werden wir einen Etappenplan ausarbeiten. Bis zur Winterpause will ich auf einem oberen Tabellenplatz stehen.“

Pagelsdorf soll retten, was womöglich nicht mehr zu retten ist. Das sagen zwei, die vor zehn Jahren mit Pagelsdorf die erfolgreichste Ära des FC Hansa prägten: der damalige Präsident Peter-Michael Diestel und der damalige Manager Gerd Kische. „Wenn Frank Pagelsdorf noch der ist, der er damals war, wird er einiges bewirken können“, sagt Diestel dem Tagesspiegel, „aber der Verein ist so aufgestellt, dass er nicht die Klasse halten kann.“ Diestel erhebt schwere Vorwürfe. „Hansa braucht einen Vorstand, der eines mittelständischen Unternehmens würdig ist. Das ist derzeit nicht erfüllt.“ Das Präsidium hätte bewiesen, wie man „einen gesunden Bundesligaverein ohne Not in einen bankrotten Verein umwandelt“, sagt Diestel: „Und der Aufsichtsrat sieht der Zerstörung hilflos zu.“

Manfred Wimmer, Vorstandsvorsitzender des FC Hansa, weist die Kritik zurück. „Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage. Herr Diestel kann die wirtschaftliche Lage des Vereins nicht beurteilen.“ Grundlage für die Lizenzerteilung für die laufende Saion war eine Bürgschaft des Landes Mecklenburg-Vorpommern über 4,7 Millionen Euro. Für den früheren Hansa-Manager Kische ist die Rückholaktion Pagelsdorfs nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver. „Niemand kümmert sich um die eigentlichen Probleme“, sagt Kische. Dem entgegnet Wimmer: „Herr Pagelsdorf ist klug genug, sich nicht für so etwas missbrauchen zu lassen. Wir haben ihn geholt, weil er ein Fachmann ist, der schon bewiesen hat, dass er einen Verein zurück in die Erfolgsspur führen kann.“

Lange vor dem Abstieg hätten sich Diestel und Kische beim Verein gemeldet und Hilfe angeboten. Damals sei weder ein sportliches noch ein wirtschaftlich durchdachtes Konzept erkennbar gewesen. „Der FC Hansa wird einmal der Regionalligist mit dem schönsten Stadion sein“, hatte Diestel bereits im Frühjahr gesagt. Gestern sagte er: „Das unverantwortliche Handeln des Vorstandes hat zu einem Sinnverlust bei den Menschen in Mecklenburg-Vorpommern geführt.“ Die Vereinsführung habe sinnlos Geld und Zeit verschleudert. Man habe beispielsweise Trainer Juri Schlünz zu lange strampeln lassen und nur Spieler verpflichtet, die zu den Ladenhütern der Liga zählten. „Das ist schon eine tragische Ossikiste“, sagt Diestel. Nach dem Abstieg sei das Team durch Spielerabgänge nun noch einmal geschwächt worden. Diestel: „Pagelsdorf setzt man nun unter einen furchtbaren Erfolgszwang. Er wird irrsinnig viel Glück brauchen.“

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