Bernd Schiphorst, Aufsichtsrat Hertha : "Jeder für sich, Gott für uns alle!"

Vor der Mitgliederversammlung spricht Herthas Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst im Tagesspiegel-Interview über die Ängste der Fans und eigene Fehlentscheidungen.

"Doppelspitze" kandidiert fuer Hertha-Fuehrung
Bernd Schiphorst 67, ist Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC. Zuvor war er acht Jahre lang Präsident des Klubs.Foto: ddp

Herr Schiphorst, Sie waren maßgeblich an der neuen Satzung von Hertha beteiligt. Wie viele Kreuze machen Sie, dass Sie eine Sperrminorität von 75 Prozent für die Abwahl eines Präsidiums festgelegt haben?

Ach, das habe ich gar nicht festgelegt. Das war Konsens – als Gegengewicht zur Direktwahl von Präsidium und Aufsichtsrat durch die Mitgliederversammlung.

Im Bundestag reicht eine einfache Mehrheit für die Abwahl der Kanzlerin.

Das können Sie im Ernst nicht vergleichen. Im Bundestag geht es um die Fragen der Nation, die haben faktisch Fraktionszwang, gelegentliche Abweichler mal außen vor. Bei Hertha wird direkt gewählt – jeder für sich, Gott für uns alle, wie es so schön heißt.

Geht Ihre Fantasie so weit, dass sich am Montag eine Mehrheit von 75 Prozent für eine Abwahl des Präsidiums finden lässt?

Ich vertraue sehr auf den Souverän, auf die Mitgliederversammlung. Sie hat bisher sehr gut unterscheiden können, wer was aus welchen Motiven macht und wie der Verein davon profitiert hat.

Vielen gilt Präsident Werner Gegenbauer als der starke Mann im Verein, und nicht allen gefällt das.

Das mag Ihr Eindruck sein. Ich sehe das anders. Er füllt seine Rolle aktiv aus. Im Übrigen haben wir durchgängig ein Vier-Augen-Prinzip zwischen Geschäftsführung, Präsidium und Aufsichtsrat. Die Geschäftsführer müssen sagen, was sie wollen, das Präsidium genehmigt oder nicht. Und wenn das Präsidium etwas will, muss der Aufsichtsrat das genehmigen. Die Struktur ist an die einer Aktiengesellschaft angelehnt, mit dem Profibetrieb in einer Tochtergesellschaft.

Hat das Präsidium zu viel Macht?

Es hat viel Macht, aber nicht zu viel. Genauso war das bei der Satzungsreform gewollt, übrigens von allen Gremien im Verein. Wir haben jetzt klare Entscheidungswege und viel Demokratie. Der Fußball wollte doch wegkommen von diesen explosiven Mitgliederversammlungen früherer Jahre, die um Mitternacht aus den Fugen gerieten.

Bei Hertha ging es oft zu wie im Irrenhaus.

Das ist lange vorbei, Gott sei Dank, denn wir brauchen Sicherheit und Kontinuität für den Verein. Hertha ist ein mittelständisches Unternehmen, das ein paar hundert Arbeitsplätze sichert. Ich erwarte mir von der Versammlung, dass sie den Fans eine Orientierung geben kann dafür, wohin der Weg mit Hertha geht. Wir dürfen trotz der prekären sportlichen Lage nicht vergessen, dass Hertha seit Mitte der Neunzigerjahre eine Erfolgsstory ist.

In der Gegenwart steht Hertha ganz unten. In der Mitgliederschaft gibt es Existenzängste. Sie werden am Montag Antworten auf unangenehme Fragen geben müssen.

Wir haben in den letzten Wochen das getan, was wir tun mussten. Wir haben uns von Trainer Lucien Favre getrennt, als wir merkten, dass es nicht mehr geht. Wir haben Friedhelm Funkel geholt, einen gestandenen, deutschen Bundesligatrainer, das war eine schnelle und gute Lösung. Als Nächstes müssen wir uns für die Winterpause eine finanzielle Manövriermasse schaffen, mit der wir die Mannschaft verstärken können.

Wie viel Geld muss Hertha anfassen?

Wir haben keinen großen Spielraum, deswegen sind wir ja mit einem so sparsamen Etat in diese Saison gegangen. Wenn wir jetzt im Winter noch einmal investieren, reden wir hier von einer Größenordnung im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Aber auch dieses Geld liegt nicht auf der Straße. Bei so einem Tabellenstand ist auch keiner da, der bei uns an der Tür klopft und sagt: Ich habe hier jetzt zehn Millionen Euro übrig, die würde ich so gern bei euch abliefern.

Welche finanziellen Belastungen bringt der aktuelle Misserfolg mit sich?

Das geht in den siebenstelligen Bereich.

Und Sie müssen noch einen neuen Trainer bezahlen.

Ja gut, auf der anderen Seite ist der alte nicht mehr da.

Aber der muss auch noch bezahlt werden.

Das ist noch offen. Wir haben Lucien Favre fristlos gekündigt. Jetzt warten wir den Termin vor Gericht ab. Dem möchte und werde ich nicht vorgreifen.

Herr Favre hat es als größten Fehler bezeichnet, dass die Mannschaft nicht entscheidend verstärkt wurde. Stattdessen ist Hertha in die Saison gegangen mit der Maßgabe, einen Transferüberschuss zu erzielen. War das wirklich klug?

Wir mussten gewaltig aufpassen, nicht noch einmal in eine extreme wirtschaftliche Schräglage zu kommen, wie wir sie vor einigen Jahren hatten. Das ist die Kunst im Fußball, die Balance hinzukriegen zwischen wirtschaftlich solidem Gebaren und sportlichem Erfolg. In der letzten Saison haben wir zum zweiten Male nach 2004/05 knapp die Champions League verpasst. Das hat schon ein bisschen was von Casino: Du investierst, du merkst, es könnte reichen, und verspielst es doch am letzten oder vorletzten Spieltag. Auf der einen Seite liegen 15 bis 20 Millionen Euro. Auf der anderen Seite lauert die Gefahr, dass alle Investitionen, mit denen Sie diese Millionen erspielen wollen, auf dem Schuldenberg landen.

Pardon: Wir reden über einen Klub, der fast Meister geworden wäre. Und dieser Verein geht in die neue Saison mit Platz neun als Zielvorgabe. Hätten Sie nicht mehr Mut zum Investieren zeigen müssen?

Nein, ich sehe keine Alternative zu der Art der Finanzierung, wie wir sie jetzt praktizieren. Das ist wie mit der Rentendiskussion und der Staatsverschuldung. Alles, was wir an Erlösen vorziehen, geht auf Kosten künftiger Generationen.

Aus Ihrem Vertrag mit dem Vermarkter Sportfive haben Sie schon die Einnahmen bis zum Jahr 2018 ausgegeben.

Stimmt nicht, es ging um eine Signing Fee, und die ist mindestens teilweise zur Schuldentilgung verwendet worden. Allerdings sind wir damit langfristig an Sportfive gebunden, wie auch an das Olympiastadion. Zusammen bedeutet das ein Weniger an Flexibilität. Hier musst du auch irgendwann mal sagen: Mehr geht nicht.

Hertha macht immer im Erfolg die entscheidenden Fehler.

Sie spielen auf das Erreichen der Champions League 1999/00 an. Heute wissen wir, das kam zu früh. Es hat damals die Entscheider im Verein verleitet zu glauben, wir seien in der Spitze angekommen. Wir haben feste mitgemacht im Transfermarkt, ohne den Erfolg von 1999 wiederholen zu können. Das kostete Geld, das wir nicht zurückverdienen konnten.

Was war der größte Fehler?

Fehler? Der verpasste sportliche Erfolg gegen Schalke und den KSC. Hätten wir diese Spiele gewonnen, dann würden wir jetzt in der Champions League spielen und hätten nicht diese Diskussion um Marko Pantelic und Andrej Woronin. Die beiden wären wahrscheinlich gern geblieben, hatten aber Vorstellungen, die wir nicht bezahlen konnten.

Auch den Weggang von Josip Simunic hat Hertha nicht annähernd kompensiert.

Simunic hatte die Klausel im Vertrag, dass er gehen kann, wenn eine Ablösesumme in bestimmter Höhe gezahlt wird. Hoffenheim hat gezahlt. Wir hatten keine realistische Chance. Ich will aber für mich nicht bestreiten, mit mancher Einschätzung falsch gelegen und großes Vertrauen in die Personalpolitik von Favre gehabt zu haben. Eine Fehleinschätzung.

Das können wir als Kritik an der sportlichen Führung verstehen?

Josip Simunic hat 2008/09 eine Weltklassesaison gespielt. Wir hatten nur ein sehr eingeschränktes Budget zur Verfügung, um seinen Abgang zu kompensieren. Dass dies dann nicht in derselben Qualität möglich ist, war zu befürchten. Aber wahrscheinlich haben wir es falsch eingeschätzt, allesamt.

Es ist also im vergangenen Jahr etwas verpasst worden?

Vielleicht, ja.

Macht es Ihnen keine Angst, dass die sportliche Leitung so gravierend danebenliegt? Herthas Philosophie vor dieser Saison war: Wir haben den Favre, der bastelt uns aus den sieben oder acht Zugängen schon ein schlagkräftiges Team zusammen.

Um es klar zu sagen: Der Kader, den wir haben, ist bundesligatauglich. Natürlich können die Gremien nicht abschließend die sportliche Qualität des Kaders einschätzen. Hier müssen wir der sportlichen Leitung vertrauen. Wir waren der Meinung, dass die nächste Saison bei allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit einem Mittelfeldplatz abgeschlossen werden kann. Dass wir so weit nach unten durchgereicht wurden, hat viele Gründe, die nicht allein auf die Qualität des Kaders zurückzuführen sind.

Sind Sie zufrieden mit der Arbeit des neuen Managers Michael Preetz?

Michael Preetz ist frisch in dieser Aufgabe, er führt die Geschäfte mit einem neuen Stil. Er ist stark teamorientiert und redet viel mit den Leuten. Ich finde, dass er bisher keine Fehler gemacht hat. Es gibt keinen Anlass, an unserer Entscheidung zu zweifeln.

Gibt es denn Grund zum Applaus?

Den hat zurzeit niemand, die Gremien, die Geschäftsführung, verdient – bei diesem Tabellenstand. Da steht keiner und sagt bravo, wie großartig das alles läuft.

Haben Sie den Druck auf Preetz erhöht?

Wir stehen in dieser Situation alle unter Druck. Für Michael Preetz ist die Situation natürlich eine besondere. Er fängt im Sommer an, und die Kiste rauscht den Abhang runter. Wer da keinen Druck verspürt…

Steht die Stadt noch hinter Ihnen?

Wenn der Erfolg da ist, dann gibt es auch eine hohe Solidarisierung mit Hertha und eine Identifizierung, und so habe ich Hertha immer gesehen: Natürlich definiert sich Hertha über den Bundesligaerfolg, aber ich habe es auch als gesellschaftlichen Faktor in der Stadt gesehen, als Identitätsstifter. Diese Funktion muss mitbetrachtet werden. Es sollten also alle sich wünschen, dass Hertha die Krise überwindet und am Ende nicht absteigt.

Ist es für Berlin wirklich so wichtig, dass es Hertha gut geht?

Ich glaube schon, dass es ein Stück Lebensqualität ist, wenn man samstags nachmittags kurzentschlossen ins Bundesligastadion gehen kann. Dass diese Stadt nicht morgen früh in Schutt und Asche versinkt, wenn Hertha BSC absteigt, das ist doch selbstverständlich.

Aus dem Südosten Berlins erwächst Ihnen Konkurrenz. Der 1. FC Union kann in dieser Saison schaffen, wovon Walter Ulbricht immer geträumt hat: überholen ohne einzuholen. Vielleicht ist Hertha im nächsten Sommer nur noch die Nummer zwei.

Wenn, wenn … Hertha gibt es seit 1892. Wer 117 Jahre überstanden hat, übersteht auch diese Krise. Sie sprechen über ein Szenario, über das wir im Aufsichtsrat alle nicht reden.

Aber Sie müssen sich doch gedanklich mit solchen Szenarien beschäftigen.

Die Geschäftsführung muss sich darauf einstellen, das tut sie. Das tun wir übrigens jedes Jahr, wir mussten öfter mal einen Lizenzantrag für die Zweite Liga abgeben. Das ist nichts Ungewöhnliches.

Haben Sie nachts schon mal von der Zweiten Liga geträumt?

Nein. Ich träume auch nicht vom Fußball.

Das Gespräch führten Sven Goldmann, Robert Ide und Michael Rosentritt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben