Sport : Berner Wankdorf-Stadion: Letzte Gedanken eines Zeitzeugen

Benedikt Voigt

Als der Herr Ingenieur in meinen Sockel ein Loch bohrte, ahnte ich schon, dass es nun ernst wird. Stand ja auch in allen Zeitungen: Das Berner Wankdorf-Stadion soll abgerissen werden. Aber es kam dann doch alles etwas plötzlich für mich: das letzte Spiel der Young Boys Bern gegen den FC Lugano, die zahlreichen Prominenten wie der Deutsche Ottmar Walter oder der Ungar Gyula Grosics, die noch einmal gekommen waren, und die 22 000 Zuschauer. So viele hatten sich in den letzten Jahren nur noch selten eingefunden. Nach dem Abpfiff rissen die Fußballfans die Trainerbänke aus der Verankerung, stöpselten die Eckfahnen aus ihren Löchern und schleppten die Holzsitze nach Hause. Nur mich nahm keiner mit, aber das wäre für einen Einzelnen auch etwas schwer geworden. Trotzdem habe ich erwartet, dass man mich abbaut und woanders wieder aufstellt. Schließlich haben sie sogar die komplette Gast-Garderobe im Berner Historischen Museum wieder zusammengesetzt. Nur weil sich dort am 4. Juli 1954 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft umgezogen hat. Aber ich frage Sie, was ist so toll an dieser Umkleidekabine? Hat sie etwa alle fünf Tore beim legendären 3:2 der Deutschen über die Ungarn im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gesehen? Hat sie den Hörfunkreporter Herbert Zimmermann beobachtet, wie er in seiner Kommentatorenkabine vor Freude tobte? Kann sie sich erinnern, wie die deutschen Spieler ihren Kapitän Fritz Walter auf ihren Schultern über den Rasen trugen? Ich aber habe das alles gesehen, und ausgerechnet mir steckt der Herr Ingenieur nun Plastiksprengstoff in den Sockel. Aber, das können Sie mir glauben, der wird sich noch wundern.

P.S. Gestern meldete die Nachrichtenagentur dpa: Die nach dem Londoner Wembley-Stadion für die deutschen Fußballfreunde geschichtsträchtigste Spiel-Arena, das Berner Wankdorfstadion, wurde am Freitagnachmittag gesprengt. Allerdings blieb einer der vier 50 Meter hohen Flutlichtmasten beim ersten Sprengversuch stehen. Der Grund dafür war zunächst unklar.

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