Bernie Ecclestone und die Formel 1 : Der Pate wird überflüssig

Nach der Übernahme der Formel 1 geht die Zeit von Alleinherrscher Bernie Ecclestone dem Ende entgegen.

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Geht er vom Gaspedal? Bernie Ecclestone (rechts) sprach selbst schon vom Abschied als Geschäftsführer der Formel 1.
Geht er vom Gaspedal? Bernie Ecclestone (rechts) sprach selbst schon vom Abschied als Geschäftsführer der Formel 1.Foto: Imago/LAT Photographic

Bernie Ecclestone lächelt selten, aber diesmal war ihm sein Missmut klar anzusehen. Mit äußerst finsterer Miene trottete er Mitte September durchs Formel-1-Fahrerlager von Singapur. Am Freitagabend vor dem Rennen kam es zum ersten großen gemeinsamen Auftritt der neuen und alten Chefs der Formel 1. Mit dabei waren: Chase Carey, der neue Präsident, als Vertreter der neuen Eigentümer Liberty Media. Donald McKenzie vom Vorbesitzer CVC. Und eben Bernie Ecclestone. Jahrzehntelang war der 85-Jährige der eigentliche Alleinherrscher in der Formel 1 und er hatte Staatsmänner durch sein Reich geführt. Nun wirkte er wie ein überflüssiges Anhängsel. Als Carey zum Antrittsbesuch bei den Mercedes-Bossen Toto Wolff und Niki Lauda einkehrte, entfernte sich Ecclestone stillschweigend aus dem Tross. Ein übereifriger Kameramann übersah den 1,60 Meter kleinen Briten in dem ganzen Tumult und stieß ihn beinahe zu Boden.

War das ein Symbolbild für die künftigen Verhältnisse in der Formel 1? Denn dass Bernie Ecclestone wirklich noch drei Jahre an der Spitze der Formel 1 steht, wie im Rahmen der Übernahme offiziell verkündet, glaubt inzwischen kaum noch jemand. „Zum Glück brauche ich weder Geld noch Job“, meinte Ecclestone kürzlich in einem britischen TV-Interview. „Wenn sich die Dinge in eine Richtung entwickeln, die ich nicht für richtig halte, dann werde ich sicherlich nicht bleiben.“ Schließlich ist er es gewohnt, dass alles so läuft, wie er es sich vorstellt. Die Formel 1 und Ecclestone, das waren in den vergangenen Jahrzehnten ein und dasselbe. Die moderne Formel 1 ist gleichermaßen seine Schöpfung wie der Quell seines eigenen Reichtums.

Schon als Kind wusste Charles Bernard Ecclestone, wie man schnell Geld verdient. Er kaufte auf dem Schulweg massenhaft Gebäck ein, um es dann in der Pause auf dem Schulhof mit entsprechendem Aufschlag weiterzuverhökern. Der mit ihm gut befreundete Ex-Weltmeister Jochen Rindt stellte einmal erstaunt fest: „Wenn man mit Bernie über einen großen Parkplatz geht, dann sagt er einem nachher sofort, wie viel die ganzen Autos darauf zusammen wert sind.“

Zu dem Zeitpunkt hatte Ecclestone schon eine erfolgreiche Karriere als Gebrauchtwagenhändler hinter sich, mit der er den Grundstein seines Vermögens legte. Weniger erfolgreich verlief nur seine eigene aktive Rennkarriere, vor allem aufgrund seiner von Geburt an schwachen Sicht auf dem rechten Auge. 1958 scheiterte er zweimal bei dem Versuch, sich für einen Grand Prix zu qualifizieren.

Deutlich schärfer war sein Blick auf Zahlen und Verträge. Er wechselte in die Rolle des Formel-1-Händlers – erst betreute er Fahrer, unter anderem Rindt. 1971 dann kaufte Ecclestone den Rennstall Brabham. Seine Rolle als Teameigner erlaubte es ihm, Schritt für Schritt die Kontrolle über die Grand-Prix-Welt zu übernehmen. Er nutzte schlicht den Handlungsspielraum, den ihm die damals unorganisierte Rennszene ließ.

Jeder Veranstalter eines Rennens kochte sein eigenes Süppchen. Es gab weder feste Startnummern noch feste Zeitpläne oder eine verlässliche Rundenzeitmessung. Ecclestone kümmerte sich um all diese Dinge, mit denen sich zuvor niemand so richtig beschäftigen wollte. Die anderen Teamchefs waren ihm dankbar dafür – erst recht, als er auch noch anbot, für alle Teilnehmer ordentliche Start- und Preisgelder bei den Rennveranstaltern auszuhandeln. Den Aufstieg der Formel 1 zu einem Milliardensport ebnete er Mitte der Siebzigerjahre, als er mit Geschick die Werberechte an den Rennstrecken und vor allem die Fernsehrechte verkaufte.

2,5 Milliarden Euro soll Ecclestones Vermögen derzeit betragen

Dank Ecclestone stiegen die Einnahmen – und der Anteil für seine eigene Tasche auch. Ein Prozent kassierte er anfangs, für „Bürokosten“. Zwischenzeitlich soll er 40 Prozent der Formel-1-Einnahmen einbehalten haben, wie man heute munkelt. 2,5 Milliarden Euro beträgt Ecclestones Vermögen derzeit laut „Forbes“-Schätzung. Aber lange Zeit nahm niemand Anstoß an Ecclestones Methoden, schließlich profitierten über lange Zeit alle von ihnen. Erst nach und nach erkannten die anderen Alphatiere der Szene, dass Ecclestone dank seines kaum mehr zu durchschauenden Firmengeflechts de facto unangreifbar geworden war. Seinen Aufstieg zum allgewaltigen Geschäftsführer der Formel 1 hatte er abgesichert, indem er alten Vertrauten zu strategisch wichtigen Stellen verhalf. Die größte Macht hatte Ecclestone, nachdem sein alter Kumpel Max Mosley Anfang der Neunzigerjahre Präsident des Automobil-Verbands Fia wurde und sich die beiden in vielen strategischen Fragen sehr geschickt die Bälle zuspielten.

Bernie Ecclestone wirkte wie der Pate der Formel 1, und so trat er auch auf. Er pries in der Öffentlichkeit die Führungsqualitäten von Adolf Hitler, ohne dass ihn die in der Formel 1 engagierten Weltkonzerne absetzen konnten. Selbst nach dem Bestechungsprozess in München, der nach seiner Zahlung von 100 Millionen Dollar eingestellt wurde, hielt er sich an der Macht.

In den Hinterzimmern der Formel 1 aber war Ecclestone zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr unumstritten. Ihm persönlich wurden die langjährigen Versäumnisse im Bereich digitale Medien angelastet, auch einige politisch umstrittene Austragungsorte wie China, Bahrain, Sotschi und Baku. Die Hauptkritik trifft das heute extrem ungleiche Geldverteilungssystem der Formel 1, das die großen Teams immer reicher macht, während die kleinen um ihre Existenz kämpfen. Verschärft wird das dadurch, dass gerade Ecclestones Töchter gerne zur Schau stellen, was sie sich von Papas Vermögen leisten können. Wenn dann Ecclestones nicht einmal drei Jahre alte Enkelin in einer 4000 Pfund teuren rosa Lederjacke durch London spazieren geführt wird, trägt das nicht gerade zu einem positiveren Image bei.

Seit gut einem Jahr bemerken zudem Teamchefs und sogar Ecclestone zugetane Insider, dass die Zusammenarbeit mit ihm schwieriger werde, „weil er einen Tag später nicht mehr weiß, was er dir gestern gesagt hat“. Früher seien seine oft widersprüchlichen Äußerungen gezielte Strategien gewesen, um im eigenen Interesse Verwirrung zu stiften. Heute dagegen sei wohl einiges auch seinem Alter geschuldet – am 28. Oktober wird er 86 Jahre alt. An einigen Tagen, auch in der einen oder anderen Medienrunde, wirkt es kurz, als sei er nicht immer voll über alles im Bilde.

Ecclestones schwindender Einfluss auf die Formel 1 wirft zwei Fragen auf. Zum einen: Wie ginge es nach einem freiwillig-unfreiwilligen Abgang aus der Formel 1 für ihn persönlich weiter? Einen Rückzug ins Private konnte er sich nie vorstellen, Urlaub empfindet er als Strafe. Er wollte laut eigener Aussage „mit den Füßen voran“ aus dem Fahrerlager getragen werden.

Und die andere Frage ist: Wie geht es mit der Formel 1 weiter? Bei aller Kritik können sich viele in der Formel 1 nach den langen Jahren der Alleinherrschaft heute nicht vorstellen, wie es ohne Ecclestone funktionieren soll. Einen Nachfolger hat Ecclestone nie aufgebaut. „Die neuen Besitzer sollten mit Bernie zusammenarbeiten“, sagte kürzlich Red-Bull-Chef Christian Horner. „Die Formel 1 braucht ihn einfach.“ Die Frage ist nur: Wie lange noch?

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