Bernie Ecclestone und die Formel 1 : Wie ein Staat ohne Verfassung

Wenn Bernie Ecclestone als Formel-1-Chef abtreten muss, droht die Rennserie im Chaos zu versinken.

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Kein Nachfolger in Sicht. Wer soll Bernie Ecclestone beerben? Foto: Reuters
Kein Nachfolger in Sicht. Wer soll Bernie Ecclestone beerben? Foto: ReutersFoto: REUTERS

Berlin - Noch kann Bernie Ecclestone hoffen. Das Münchner Landgericht wird voraussichtlich erst im Juni über eine mögliche Anklage gegen den Formel- 1-Chef informieren. „Ich rechne nicht damit, dass ich vor Ablauf von drei bis vier Wochen über die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft berichten kann“, sagte Gerichtssprecherin Margarete Nötzel. Ob die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben, einen Strafbefehl oder eine Einstellung mit Zustimmung des Gerichts beantragt hat, ließ sie – ebenso wie zuvor auch die Anklagebehörde – offen.

Allerdings macht seit Dienstag die Kunde die Runde, dass Bernie Ecclestone wegen Anstiftung zur Untreue und Bestechung angeklagt werden soll. Er soll dem früheren BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky 44 Millionen Dollar Bestechungsgeld im Zuge des Verkaufs einer Formel-1-Beteiligung der BayernLB an den britischen Investor CVC gezahlt haben. Der mittlerweile zu achteinhalb Jahren Haft verurteilte Gribkowsky hat Ecclestone schwer belastet. Der Brite selbst bestreitet die Vorwürfe und behauptet, Gribkowsky habe ihn mit angeblich illegalen Steuerdeals erpresst.

Für die Formel 1 könnte die ganze Affäre tiefgreifende Konsequenzen haben. Bereits jetzt gibt es große Zweifel daran, ob die Hauptkonzentration des 82 Jahre alten Formel-1-Chefs derzeit noch den dringend anstehenden Fragen und Problemen des Motorsports gelten kann. Und davon gibt es jede Menge. Da wäre die Tatsache, dass sich die Formel 1 ohne geltendes Concorde-Agreement (dem Grundlagenvertrag mit den teilnehmenden Teams) derzeit praktisch im rechtsfreien Raum bewegt, wie ein Staat ohne gültige Verfassung. Da sind die Probleme vieler Rennställe, die neuen, teuren Turbomotoren für 2014 bezahlen zu können. Da sind versteckte Ausstiegsdrohungen des Motorenlieferanten Renault, wie sie jüngst in Barcelona die Runde machten. Da ist der immer wieder verschobene Börsengang der Formel 1, der doch das dringend benötigte frische Geld für die teilweise hoch verschuldeten Teams bringen soll.

All das gerät erst einmal in den Hintergrund. Doch sollte es tatsächlich zu einem Verfahren kommen, wären die Konsequenzen für die Rennserie noch gravierender. Dann müssten die Formel-1-Aufsichtsgesellschaft Delta Topco und die im Motorsport vertretenen Konzerne möglichst schnell auf Distanz zu Ecclestone gehen, ihn mehr oder weniger fallen lassen, um selbst Schaden von sich abzuwenden. Längst gibt es Gerüchte, dass man sich bei Delta Topco für diesen Fall schon darauf geeinigt habe, zunächst eine Interimslösung zu finden, um dann nach dem Ende des Verfahrens zu einer endgültigen Neuorientierung zu gelangen. Dass Ecclestone den Mercedes-Finanzvorstand Bodo Uebber kürzlich als neuen Aufsichtsrat bei Delta Topco installiert hat, dürfte ihn dann auch nicht mehr retten. Gerade aus Stuttgart kamen zuletzt deutliche Töne, im Falle einer Anklage gegen Ecclestone müsse eine neue Lösung für die Führung der Formel 1 gefunden werden.

Nur: Was passiert dann? Bei aller oft auch sehr berechtigten Kritik an dem 82-Jährigen und seinem zeitweise schon fast diktatorischen Machtgehabe wäre es sehr optimistisch zu glauben, dass mehr dabei herauskommt, wenn die beteiligten Finanzinvestoren auf eigene Faust die Geschicke der Formel 1 leiten wollen. Die Hersteller und großen Sponsoren wären mit Ecclestone erst einmal ein Problem los. Aber ob dann ein für alle akzeptables Concorde-Abkommen besser und schneller auf die Beine gestellt werden kann? Und wer verhandelt dann mit den jeweiligen nationalen Rennveranstaltern konstruktiv über einen neuen Formel-1-Kalender? Ecclestone schaffte es immerhin, die verschiedenen Interessengruppen, die Teams, den Automobil-Weltverband Fia, die Veranstalter, TV-Rechteinhaber und Sponsoren irgendwie zusammenzubringen und wusste meist gut genug, wie weit er bei den Verhandlungen gehen kann. Ohne ihn droht der Zusammenbruch des fragilen Konstrukts.

Das Fehlen eines potenziellen Nachfolgers aus Formel-1-Kreisen könnte sich jetzt schnell übel bemerkbar machen. Einen solchen echten Insider gibt es nicht, auch weil ihn Ecclestone sich nie herangezogen hat. Aber wirkliches Interesse daran, einmal sein Nachfolger zu werden, hat bis zum heutigen Tag auch nie jemand gezeigt. Darin liegt mit Sicherheit ein großes Versäumnis aller Beteiligten.

Die Formel 1 steuert also auf unruhige Zeiten zu. Sogar ein Zerfall ist nicht ausgeschlossen. Vor allem die kleinen Teams sind mit vielen Aspekten des Ecclestone-Managements unzufrieden, ganz besonders mit der Geldverteilung. Werden sie dagegen juristische Schritte unternehmen, die nach Ansicht von Fachanwälten durchaus erfolgversprechend wären? Prinzipiell wäre es sicher kein Schaden, wenn es in diesem Bereich mehr Transparenz und auch Fairness für die Kleinen gäbe. Wenn es zu solchen offenen Kämpfen kommen sollte, wäre ein schneller Absprung von gewinnorientierten Investoren wie CVC aber nicht ausgeschlossen. Rücksicht auf die Zukunft der Formel 1 werden sie dabei kaum nehmen. Und in wessen Hände die Formel 1 dann fällt, ist kaum vorauszusagen.Karin Sturm

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