Sport : Bertrams Fanklub

Viele Union-Anhänger finden die Entmachtung unwürdig

Lothar Heinke

Ach, Union! Du sitzt im Keller der Tabelle, und schon flattert alles wie die rot-weißen Fahnen im Wind: der Präsident, der Aufsichtsrat, und vor allem die Nerven der Fans. Aus den Kulissen treten Figuren, von denen man lange nichts gehört hat, und jene, die im Lichte wandelten, werden in die Dunkelheit geschickt. Alles nur Show? Eine inszenierte Palastrevolution?

In einem Handstreich hat der Aufsichtsrat den Präsidenten Heiner Bertram für abgesetzt erklärt – nach den Statuten ist der umtriebige Boss, der den Verein vor sechs Jahren aus dem Dreck gezogen hat, ab heute Abend nicht mehr Chef im Dickicht an der Wuhlheide. War das wirklic nötig, war das wirklich richtig?

Heiner Bertram war jedenfalls der Star des Abends, als am Freitag Union den Bundesligisten Werder Bremen, Trainer Mirko Votavas einstigen Klub, zu Gast hatte (und nach einer flotten ersten Halbzeit noch mit 0:3 verlor). Der Bundeswehroffizier aus Charlottenburg genoss die Sympathiebeweise der Fans, er tat so, als ob nichts wäre, er wurde am Schluss gefeiert und verteilte dankbar und gerührt Küsschen nach allen Seiten. „Wir woll’n den Heiner seh’n, wir woll’n den Heiner seh’n“, sangen die Fans.

Wer glaubt, die Bertram-Sympathie sei eine Inszenierung, der kennt das gute Gedächtnis und die treue Seele der Union-Familie nicht. „Wir werden nie vergessen, wie der uns vor dem Untergang gerettet hat, damals, als Glücksritter den Laden heruntergewirtschaftet hatten und Bertram mit dem Hut durchs Land zog, bettelnd um milde Gaben“, sagt Bernhard, ein treuer Union-Fan mit einem Dutzend Vereinsnadeln an der Mütze. „Weißt du, wo wir gelandet wären? Damals? In der Verbandsliga!“ Bernhard versteht das alles nicht. „Und nun, wo es mal nicht so gut läuft, feuern sie den Präsidenten, um den Trainer gleich hinterherzuschicken.“

Doch die Fans sind nicht alle einer Meinung. „Das muss sein“, sagt ein anderer, „der Bertram war zu selbstsüchtig, zu diktatorisch, wie konnte er dem unerfahrenen Trainer einen Vertrag bis 2005 geben?“ Johannes kommt aus Zepernick in die Wuhlheide, eine Weltreise sei das jedesmal bis hinaus ins Stadion, sagt er, aber Union gehöre nun mal zu seinem Leben. Und da sei es irgendwie bitter mitanzusehen, wie ein Mann gekippt wird, der Union noch vor zwei Jahren ins Profigeschäft geführt hat.

Aber, ist das denn noch der 1. FC Union aus Trainer Wassilews besten Zeiten? Hat es der Verein vermocht, Spieler wie Menze und Nikol, Fiel, Wehlage und, ja, Texeira, zu ersetzen? Fehlen diese Spielertypen nicht an allen Ecken des Spielfelds? Ein Führungsspieler, ein Vorbereiter, ein Vollstrecker?

Viele Fans – und ich gehöre dazu – stellen sich Fragen. Zum Beispiel: Was kann der Votava dafür, dass sein Steffen Baumgart ansehen muss, wie die Tore, die er schießt, von den Fehlern anderer annulliert werden? War Bertram nicht auch so eine Art Eichel von Köpenick, zu sparsam, als es um neue Spieler ging? Eine Hoffnung bleibt: Der Verein hat schon viele Krisen überstanden. „Und die schaffen wir auch noch“, sagt Bernhard, der Union-Fan, etwas trotzig. Warum? „Weil Union durch uns lebt.“

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