Sport : Beruf: Rollstuhlsportlerin

Die Kanadierin Chantal Petitclerc ist eine der wenigen behinderten Athleten, die vom Sport leben können

Annette Kögel[Athen]

In ihrer Heimat Kanada hat der Name Chantal Petitclerc so einen Klang wie Steffi Graf in Deutschland. Da muss längst nicht mehr erklärt werden, dass die 34-Jährige mit den großen Augen und dem dunklen Haar seit mehr als einem Jahrzehnt eine der erfolgreichsten Behindertenleistungssportler der Welt ist. Chantal Petitclerc ist eine Ausnahmeathletin. Das ist sie nicht erst durch ihre Siege in der Disziplin Rennrollstuhl bei den Paralympics 2004 in Athen, die am Dienstag mit einer großen Abschlussfeier zu enden gehen. Sondern sie ist es auch dadurch, dass sie fast allen der 3800 Athleten aus 136 Nationen eines voraus hat: Sie kann von ihrem Sport leben.

Von einer Karriere wie die der Chantal Petitclerc können die meisten ihrer Kolleginnen aus Deutschland nur träumen: Die Athleten der deutschen Nationalmannschaft trainieren vor der Arbeit, nach der Arbeit, im Urlaub, und sie werden betreut von Trainern und Physiologen, die den Job meistens ehrenamtlich machen. Chantal Petitclerc hingegen ist Vollprofi. Rund 1300 kanadische Dollar, also etwa 830 Euro, erhält die Athletin aus Montreal jeden Monat über Zuschüsse von der Regierung – gerade wurde der Betrag um 200 Dollar aufgestockt. Hinzu kommt finanzielle Unterstützung ihrer Sponsors „Alcan“, einen kanadischen Aluminiumhersteller, das zweitgrößte Unternehmen des Landes.

Wenn Chantal Petitclerc mit ihrem Alltagsrollstuhl in Kanada unterwegs ist, muss die 34-Jährige ständig Autogramme geben: Petitclerc ist bei ihrem zweiten Förderer, der Lotterie „Lotto-Quebecs“, im Fernsehen Lottofee und Moderatorin. Doch der Weg ins Profidasein war anfangs beschwerlicher als manch ein Rennen in der lichten Olympiaarena in Athen.

„Zu Beginn war es schon schwierig, den Zugang zu Firmen zu bekommen“, sagt Chantal Petitclerc in der Mixed Zone des OAKA-Stadions, „doch mein Manager hat damals so lange verhandelt und mich nicht unter Wert verkauft, bis alles gestimmt hat.“ 1996 hatte die diplomierte Sozialwissenschaftlerin drei Gold- und zwei Silbermedaillen von den Paralympics aus Atlanta zurückgebracht. Das öffnete ihr letztlich die Tür. Vor Athen summierte sich ihr Erfolg auf 12 Goldmedaillen bei paralympischen Spielen, jetzt kamen weitere Siege dazu, zuletzt am vergangenen Samstag im 400-Meter-Rennen – mit Weltrekord. Erfolge, von denen auch ihre Sponsoren profitieren. Auf Firmenplakaten macht die 34-Jährige Werbung für die leichten, schnellen Hochleistungsrollstühle aus Aluminium.

Wenn die Athletin heute ihre Runden in der Arena dreht, wissen auch viele der Zuschauer, dass Chantal Petitclerc im Rollstuhl sitzt, weil ihr damals als Kind beim Spielen auf der Farm ein Scheunentor in den Rücken fiel. Chantal Petitclerc hat sich längst mit dem Leben ausgesöhnt, ihr langjähriger Lebensgefährte ist „Fußgänger“, Künstler – und als Fotograf auch wieder bei den Paralympics dabei. Die Reporter stehen Schlange, um ein Gespräch mit ihr zu führen, um sie über ihr Leben als anerkannte und professionelle Behindertensportlerin zu befragen.

Auch die Manager reihen sich ein. Wenn die Athletin wieder zurück in Kanada ist von den Paralympics, wird sie Firmenvertretern Seminare in Coaching, Motivation, Selbsterfahrung geben. Denn in diesen Bereichen haben viele andere Menschen ein Handicap – nicht aber Chantal Petitclerc.

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