Sport : Beruf vor Berufung

Der Präsident weiß nicht, ob er Unions Zukunft planen kann

Karsten Doneck

Berlin. Noch schieben sie den unliebsamen Gedanken weit vor sich her. „Wenn wir jetzt anfangen, über die Regionalliga zu reden, dann setzt sich die Regionalliga auch irgendwann im Denken unserer Spieler fest. Das müssen wir auf jeden Fall vermeiden“, sagt Jürgen Schlebrowski, der Präsident des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union. Sicher, sie haben einen Lizenzantrag für die Regionalliga gestellt, aber das gebietet allein schon die Sorgfaltspflicht angesichts der bedrohlichen Tabellenlage. Ansonsten umdribbelt Union das Thema Abstieg – noch.

Der Präsident selbst ist unschlüssig, ob und wie lange er weitermachen wird. „Das hängt nicht davon ab, in welcher Liga wir im nächsten Jahr spielen. Es ist eine Frage meiner verfügbaren Zeit“, sagt Schlebrowski. Er arbeitet hauptberuflich als Manager für das Grönemeyer-Institut in Bochum, ein medizinisches Zentrum, das auf Mikrotherapie spezialisiert ist und den Patienten schonende Behandlungsmethoden verspricht. Selten ist Schlebrowski in Berlin bei Union anzutreffen. Zu selten, nörgeln seine Kritiker im Fanforum auf Unions Homepage. Schlebrowski rechtfertigt sich: „Ich habe mich nicht in das Amt gedrängt, sondern mich in einer Notsituation zur Verfügung gestellt.“

Zumindest die räumliche Distanz zwischen Arbeitsplatz und Alter Försterei könnte sich für den Präsidenten bald beträchtlich verringern. „Wir schieben bei uns im Institut in Bochum momentan ein neues Projekt an, das eventuell seinen Sitz in Berlin haben wird“, sagt er. Was für ihn die Amtsführung bei Union erleichtern würde. Schlebrowski ist beim Grönemeyer-Institut auf Honorarbasis tätig und muss durch sein Engagement bei Union mitunter auch Einnahmeverluste hinnehmen, „das geht in den fünfstelligen Bereich“, sagt er.

Auf jeden Fall wird der 1. FC Union in Kürze einen neuen Mann an der Spitze des Aufsichtsrates benötigen. Uwe Rade, unter dem im Herbst vorigen Jahres auf spektakuläre Art und Weise Heiner Bertram als Präsident entmachtet wurde, steht nicht mehr zur Verfügung. „Ich verlagere meinen beruflichen Schwerpunkt nach Hessen“, sagt er. Es gibt eine kleine Gruppe von Union-Fans, die im Internet-Forum darüber diskutieren, ob man das neue Präsidium nicht schnellstens vom Hof jagen sollte. Uwe Rade warnt: „Der Verein ist auf dem Weg, sich professionelle Strukturen zu geben, das braucht Zeit.“ Mit welchem professionellen Personal das in Zukunft geschieht, ist allerdings ungewiss.

Die professionellen Strukturen unterliegen freilich im Falle des Abstiegs erheblichen Sparzwängen: Unions Etat schrumpft von derzeit rund sechs Millionen auf 1,8 bis 2,0 Millionen Euro – allein deshalb, weil der Klub aus dem Fernsehtopf dann statt 3,5 Millionen wie bisher nur noch 370 000 Euro erhält. Abzüglich der Fernsehrate muss Union über Sponsoren sowie aus Eintrittsgeldern und Mitgliedsbeiträgen rund 1,5 Millionen Euro selbst herbeischaffen, um den Etat für die dritte Liga zu decken. Es gäbe Zusagen von Sponsoren, heißt es stets. Aber es gibt kaum feste Vertragsabschlüsse bisher.

Auch personell stehen drastische Einschnitte bevor. Union müsste für die Regionalliga ein völlig neues Team zusammenstellen. Alle Stammspieler aus dem aktuellen Kader – mit Ausnahme von Torwart Robert Wulnikowski – besitzen nur Verträge für die Zweite Liga. Die Vereinsführung lehnt es ab, zum jetzigen Zeitpunkt Vertragsverhandlungen zu führen, weder mit vorhandenen Spielern noch mit potenziellen Zugängen. „Die Saison endet am 23. Mai, die nächste beginnt erst im August. Da haben wir über zwei Monate Zeit, um neue Spieler zu holen“, begründet Schlebrowski diese Zurückhaltung.

Für den 26. Mai, vier Tage nach Saisonschluss, hat der 1. FC Union schon mal vage seine nächste Mitgliederversammlung terminiert. Es könnte eine recht turbulente Sitzung werden – gerade, wenn Union absteigen würde.

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