Sport : Beschäftigungslos glücklich

Torwart Jens Lehmann freut sich darüber, dass die WM für ihn erst jetzt so richtig beginnt

Michael Rosentritt

Berlin - Jens Lehmann senkt sich in einen Sessel mit einem für seine Größe etwas zu tiefen Schwerpunkt. Dann streckt er seine langen Beine aus und nimmt einen kräftigen Schluck Mineralwasser. „Ich komme gerade vom Training“, sagt er und will dies als kleine Entschuldigung für sein momentan ausgeprägtes Bedürfnis nach Bequemlichkeit verstanden wissen. Dann spricht er gebildet und freundlich wie immer, und gefühlsneutral. Das fällt auf. Fast möchte man meinen, am Torwart der deutschen Nationalmannschaft ist die Weltmeisterschaft bisher vorbeigegangen. „Nein, nein“, sagt er, „das ist der Höhepunkt meiner Laufbahn, ganz klar. Sie können beruhigt sein.“

Genau zu diesem Zweck beginnt Jens Lehmann eine „lustige Geschichte“, wie er sie zunächst ankündigt, zu erzählen. Doch schon beim Luftholen merkt er, dass lustig nicht das richtige Wort ist. Denkt er sich vielleicht, dass „lustig“ zu emotionslos klingt? Also am Mittwochnachmittag habe er Besuch von seinem Freund aus London bekommen. Die beiden hätten nur zwei Orte in Berlin aufgesucht, und da habe er, die deutsche Nummer eins, das erste Mal erfahren, wie sich die WM anfühlen kann. „Nämlich dass die Leute sich freuen, wenn sie einen sehen.“ Man muss dazu wissen, dass der 36 Jahre alte Londoner nur noch selten nach Deutschland kommt, und wenn, dann nur kurz bleibt, für ein Länderspiel zum Beispiel. Lehmann war also mit seinem Besuch vor dem Reichstag und anschließend am Holocaust-Mahnmal. Und weil der Freund Jude ist, sei das Gesamterlebnis „noch prägender“.

Lehmanns Bekanntschaft mit dem allgemeinen Weltmeisterschaftsgefühl dürfte eine gewisse Exklusivität besitzen. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass er zwar schon drei Turnierspiele absolviert hat, aber bisher kaum Grund zum ernsthaften Eingreifen hatte. Für Lehmann ist genau das „ein gutes Zeichen“. Es sei typisch, wenn die Leute jetzt sagten, es wäre doch besser, wenn der Lehmann mehr Gelegenheiten gehabt hätte, sich auszuzeichnen. „Wenn das tatsächlich der Fall gewesen wäre, bei diesen Gegnern, die wir bisher hatten, dann hätten wir uns abschminken können, überhaupt jetzt weiterzudenken als Achtelfinale.“ Es ist gut, dass Jens Lehmann noch nicht groß eingreifen musste. Denn das bedeute, dass die Mannschaft gut stehe, eine gute Organisation habe und mehr in des Gegners Hälfte spiele. Das könnte sich am Samstag ändern. Die deutsche Mannschaft trifft im Achtelfinale auf Schweden, den ersten starken Gegner.

Gestern lieferten die Agenturen ganz merkwürdige Meldungen. In Kaiserslautern sei ein lebensgroßer Holz-Lehmann vom Schillerplatz gestohlen worden. Die Auswertung der Überwachungskamera habe ergeben, dass Lehmann zunächst von einer Person abmontiert und zurückgelassen worden war. Nachdem Fans von Trinidad und Tobago ihn zwischenzeitlich wieder an Ort und Stelle befestigt hatten, war er wenig später ganz verschwunden. Es wird vermutet, dass er in die umliegende Umgebung verschleppt wurde. Als gesichert gilt zweitens, dass das Kaugummi, das Jens Lehmann während des WM-Auftaktspiels gegen Costa Rica ausgespuckt und das von einem Stadionbesucher aufgeklaubt worden war, bei Ebay für 608 Euro seinen Besitzer gewechselt hat. Man kann daraus eine gewisse Bedeutung ableiten, die die Deutschen ihrem WM-Torhüter beimessen. Vermutlich ist es auch ein Vorgriff darauf, wie wertvoll Lehmann in den K.-o.-Spielen noch werden kann. Er selbst spricht von einem Extrareiz, den solche Spiele aussenden. Er vergleicht sie mit denen, die er kürzlich mit seinem Klub Arsenal in der Champions League erlebt hat. In solchen Spielen „dürfen wir uns keine Hängephasen erlauben“. Jetzt kämen Mannschaften, deren Stürmer besser sind. Diese Sorte von Stürmern seien in der Lage, „ihre Aktionen in hoher Geschwindigkeit zu Ende zu spielen“. Das sollte jetzt ins Bewusstsein rücken. Man müsse damit rechnen, dass es Phasen gibt, „die schwer werden im Spiel, in denen wir auch kämpfen müssen“. Jetzt beginne der eigentliche Druck. „Es kommt ein Spiel, dass gewonnen werden muss.“

Einer dieser Stürmer ist der Schwede Fredrik Ljungberg. Der ist nicht nur gut, sondern Lehmanns Londoner Vereinskollege. Zu ihm pflegt Lehmann eine besondere Beziehung. Nein, ein Freund im Sinne eines Freundes von früher, aus der Schulzeit, dem man alles erzählt, ist er nicht. „Ein Freund im Fußball ist etwas anderes“, sagt Lehmann, Fredrik ist „ein Kumpel“. Mit ihm habe er sich gerade erst via Handy „getextet“, erzählt Lehmann, „aber das kann ich hier nicht alles erzählen“. Aber ja, es sei schon eine komische Situation, gegen ihn zu spielen. Gegen einen, mit dem man sich sonst nach den gemeinsamen Spielen mit Arsenal trifft, „sie noch einmal durchgeht, verarbeitet und zusammen jubelt“.

Man kenne sich gut, sagt Lehmann. Er kenne ganz genau Ljungbergs Stärken und Schwächen, und natürlich gilt das auch umgekehrt. Lehmann lächelt. Bei einem Torwart sei das nicht so entscheidend zu wissen, wie er ist, weil er ja seltener in ein Spiel eingreift. „Es hat mehr Wert, wenn ich meinen Mitspielern sagen kann, wie der Fredrik spielt.“

Jens Lehmann hat damit begonnen, es sich bei dieser Weltmeisterschaft einzurichten, der ersten, die er als Torwart aktiv erlebt. Und er findet, dass bisher alles sehr schön ist für die Mannschaft. „Im Moment geht es uns super“, sagt Lehmann. Man habe die Menschen auf seine Seite gezogen mit den vielen Toren, die man erzielt habe, und alles sei begeistert und in freudiger Erwartung. Aber Vorsicht. Es könnte auch das letzte WM-Spiel für die Deutschen sein. Was würde das bedeuten, was würde bleiben? Diese Fragen möchte Jens Lehmann jetzt nicht beantworten. „Für mich beginnt die WM erst jetzt und ich hoffe, dass sie jetzt nicht so schnell zu Ende ist.“

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