Sport : Bescheidener Chef

Andreas Klöden und seine neue Rolle bei der Tour

Sebastian Moll

Morzine - Wenn man Andreas Klöden nach der Kapitänsrolle im Team T-Mobile fragt, dann windet sich der schmächtige Mann aus Cottbus. „Ja, sicher beginne ich, mich damit anzufreunden“, sagt er. Dabei wäre Klöden schon zu Anfang der Tour de France – nachdem Jan Ullrich abgereist war – der logische neue Leader von T-Mobile gewesen. Schließlich wurde Klöden vor zwei Jahren Zweiter der Frankreich-Rundfahrt. Er lag zwei Plätze vor Ullrich. Doch erst seitdem Floyd Landis am Mittwoch in den Alpen Probleme bekam und Klödens Form täglich besser wurde, hat Klöden Chancen, im Zeitfahren am Samstag die Tour zu gewinnen – trotz seines kleinen Einbruchs gestern. Dass er ganz zum Schluss, wenn es darauf ankommt, noch einmal alles aus sich herausholen kann, hat er schon 2004 gezeigt. Damals überholte er im letzten Zeitfahren Ivan Basso, um sich auf Platz zwei vorzukämpfen.

Klöden blieb nach dem großen Erfolg jedoch brav bei T-Mobile, um weiter Jan Ullrich zu assistieren, obwohl er seinen Freund doch gerade abgehängt hatte. Viele verstanden damals die Treue zu Ullrich nicht. Fast jedes Team bei der Tour hätte um Klöden herum eine Formation aufgebaut, um die Tour zu gewinnen, und ihn mit Millionen überhäuft. „Ich glaube, Andreas weiß gar nicht, was er wert ist“, sagte damals sogar sein Manager Tony Rominger. Doch Klöden wollte nicht die Trainings- und Lebensgemeinschaft mit Ullrich gefährden. Schließlich sind die beiden Nachbarn in der Schweiz, fahren zusammen Rad und trinken abends zusammen Rotwein. Auch jetzt noch hält Klöden zu Ullrich. Immer wieder sagt er, dass er diese Tour für Ullrich fährt. Ullrich rufe Klöden sogar jeden Tag an oder schicke ihm Mitteilungen mit Aufmunterungen und Tipps auf sein Handy. Und das, so Klöden, bedeute ihm „unheimlich viel“.

Klödens Vertrag bei T-Mobile läuft dieses Jahr aus. Im Frühjahr hatte er angekündigt, gehen zu wollen. Mit 31 Jahren hat er nicht mehr viel zu verschenken. Nun überlegt er sich, doch zu bleiben. Als Chef im Team? Vielleicht, sagt er. Aber erst mal müsse man abwarten, was sich mit Ullrich ergebe und ob das alles stimme, was dem vorgeworfen wird. Andreas Klöden ist eben bescheiden. Immerhin hat er bei dieser Tour gelernt, im Rennen zuerst an sich zu denken.

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