Sport : Bescheidenheit schießt Tore

Claus Vetter

Das Vertrauen in das eigene Team war groß. Wie immer, wenn eine Eishockeyauswahl der USA bei Olympischen Spielen antritt. Mit drei Kommentatoren arbeitete der Fernsehsender CBS im Jahre 1994 die Auftritte der USA beim Turnier in Lillehammer auf. Einer der Reporter war Mike Eruzione. Der hatte 1980 in Lake Placid mit der US-Collegemannschaft sensationell Gold gewonnen, und 14 Jahre später kam er während der Vorrundenpartie gegen Italien zu einer Erfolg verheißenden Erkenntnis: "Team USA ist unglaublich fit, alle sind vom Erfolg überzeugt. Ich auch."

Soweit es Italien betraf, lag Eruzione richtig, die Amerikaner siegten mit 7:1. Danach sah es weniger günstig aus. Ein Wunder wie 1980 in Lake Placid wiederholte sich 1994 nicht. Am Ende verloren die USA sogar das Spiel um Platz sieben - gegen Deutschland. David Roberts, heute Stürmer bei den Berliner Eisbären, war 1994 in Lillehammer dabei. "Olympia war für uns junge Spieler eine gute Erfahrung", sagt der 31-Jährige, "wir haben gelernt, dass übertriebener Glaube an den Erfolg zu einer Verkrampfung führt."

Roberts kommt aus einer Familie, in der sportlicher Erfolg selbstverständlich war. Vater Doug gewann mit den Boston Bruins den Stanley Cup, auch sein Onkel schaffte es bis in die nordamerikanische Profiliga NHL. Als David in der NHL an der Reihe war, scheiterte er mehr am selbst auferlegten Druck als an seinen Fähigkeiten. Nach 134 Partien für Vancouver, St. Louis und Edmonton war der Traum vom NHL-Star geplatzt. Heute weiß Roberts: "Ich habe mir zu viele Gedanken über die Abschiebung in ein Farmteam gemacht. Aber diese Lektion habe ich gelernt. Heute setze ich mich nicht mehr unter Druck - daher habe ich wohl auch mehr Erfolg."

Da hat er Recht. Bei den Eisbären, die heute die Moskitos Essen empfangen (19.30 Uhr, Sportforum Hohenschönhausen), führt der elegante Schlittschuhläufer schon seit Wochen die interne Torschützenliste an. Und doch haben ihn die Berliner Fans noch nicht so recht in ihr Herz geschlossen. Sie feiern stets andere. "Es zählt doch nur der Erfolg der Mannschaft", sagt Roberts. Halb im Scherz fällt ihm Teamkolelge David Cooper ins Wort. "Es muss endlich mal gesagt werden, dass David Roberts die ganze Mannschaft auf seinen Schultern durchschleppt. Und bitte als Zitat von David Cooper versehen." Was er damit sagen will: Zu viel Bescheidenheit steht dem Erfolg ebenso im Weg wie überzogenes Selbstvertrauen.

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