Sport : "BESSER SPÄT DURCHSETZEN ALS NIE": Preetz auf Bierhoffs Spuren

HARTMUT SCHERZER

AMELIA ISLAND .Ehe er Rede und Antwort steht, sagt Michael Preetz "zunächst einmal guten Abend zusammen".Ein höflicher Mensch also.So der erste Eindruck vom "Späteinsteiger" (Erich Ribbeck).Ein guter Typ.Einer wie Oliver Bierhoff: intelligent und redegewandt, Abiturient und danach Student der Betriebswirtschaft, Torjäger von internationalem Format aber erst nach Jahren der Wanderschaft durch die Zweitklassig- oder Bedeutungslosigkeit.

Wie sich die eigenartigen Karrieren der beiden Spätstarter da doch ähneln.Auch Bierhoff tauchte nach vielen Wanderjahren erst mit 29 Jahren wie aus dem Nichts beziehungsweise aus Ascoli in der Nationalmannschaft auf und war damals, 1996, von seinem plötzlichen Aufstieg genauso überrascht wie jetzt Preetz: "In meinem Alter, mit 31 Jahren, ist es ja nicht üblich, noch zur Nationalmannschaft zu kommen", stellt der Hertha-Torjäger lakonisch fest.Aber: "Besser spät durchsetzen als nie." Heute gibt der 1,92 Meter große Schlaks gegen die USA sogar sein Länderspieldebüt, weil Bierhoff fehlt, weil Kirsten verletzt ist und weil der Teamchef Erich Ribbeck davon angetan ist, "wie Preetz nur wenige Chancen für Tore braucht".

Fast scheint es, als würde die Intelligenz der schlaksigen Strafraumstürmer vom Typ Bierhoff und Preetz den Instinkt für Tore erst in dem Alter vollends entwickeln, in dem sie ursprünglich mal ihr Staatsexamen machen wollten.Preetz jedenfalls räumt ein: "Selbstbewußtsein muß sich entwickeln.Erst mit den Jahren bin ich im Abschluß sicherer geworden."

Den Spätstart in die internationale Karriere hätte Michael Preetz freilich verpaßt, wenn er sich, wie angeraten, zum Ende des vergangenen Jahres einer angeblich dringend erforderlichen Leistenoperation unterzogen hätte.Doch nach Behandlung durch einen Osteopathen, "eine noch nicht verbreitete Methode", sei er bis Weihnachten schmerzfrei gewesen und die Operation ausgesetzt worden.

Was, bitte, macht eigentlich ein Osteopath? Michael Preetz kann zu diesem Thema aus eigener Erfahrung einiges erzählen.Wie ein Professor der Medizin referiert der Fußballprofi über die "manuelle Therapie, aufbauend auf die Physiotherapie", bei der die Verletzung nicht isoliert behandelt, sondern der Körper als Ganzes gesehen werde.Er spricht von Diagnostik und Statik mit der gleichen Souveränität wie vom Doppelpaß und Strafstoß.Osteopathie sei eine sehr schonende Sache, bei der er nicht gefordert worden sei."Ich wurde auf die Bank gelegt und dann behandelt.Und das mit sehr, sehr großem Erfolg."

Michael Preetz, der sich als Vize-Präsident der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) an exponierter Stelle für die Belange seiner Berufskollegen einsetzt, gilt als Spieler ohne Allüren, der auch keine besonderen Ansprüche stellt.Das ist in der Nationalmannschaft nicht anders als bei Hertha.Da Erich Ribbeck im Sturm die wenigsten Sorgen habe, will er weniger in Konkurrenz zu den Etablierten treten, sondern in Florida "versuchen zu zeigen, daß ich in Zukunft eine Alternative zu Bierhoff, Kirsten und Marschall sein kann".

Im Trainingslager hat er in den vergangenen Tagen einen guten Eindruck hinterlassen.Ribbeck erzählt, der Neue sei in Florida keineswegs abgefallen, nicht langsamer gewesen und habe auch keine schlechtere Technik als jüngere Spieler gezeigt.Jetzt müsse man bei Michael Preetz abwarten, wie er in einem Länderspiel mit der nervlichen Belastung fertig werde."Und das ist", weiß Erich Ribbeck, "nicht eine Frage des Alters, sondern des Typs."

Wenn er denn wirklich ein Typ wie Oliver Bierhoff ist, dürften bei Michael Preetz nicht die Nerven flattern, sondern müßten Tore fallen.Bierhoff erzielte in seinem ersten Länderspiel kaltschnäuzig gleich zwei Tore zum 2:0-Sieg gegen Dänemark.

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