Sport : Besser verloren

Ligapokal: Hertha BSC unterliegt dem HSV im ersten Spiel ohne Marcelinho 0:1

Karsten Doneck[Düsseldorf]

Wer wollte bei Hertha BSC noch über Marcelinho reden? Eigentlich keiner. Ellery Cairo regte sich lediglich darüber auf, dass seine Mannschaft „den Ball einfach nicht reingekriegt hat“. Und Dick van Burik jammerte über „unsere vielen, nicht genutzten Chancen in der ersten Halbzeit“. Fußball-Bundesligist Hertha BSC hat mit einem 0:1 (0:0) gegen den Hamburger SV in der Vorrunde des Ligapokals in Düsseldorf die Nach-Marcelinho-Ära eingeläutet, doch das Fehlen des einstigen Spielmachers bewegte die Gemüter kaum. Marcelinho war in der Nacht von Freitag auf Samstag an den türkischen Erstligisten Trabzonspor verkauft worden. Erst morgens vor dem Abflug zum Spiel nach Düsseldorf waren die Hertha-Spieler von dieser Trennung informiert worden, die aber letztlich nur wegen der raschen Abwicklung überraschte. Pal Dardai fasste die Stimmung im Kader vielleicht am treffendsten zusammen, als er feststellte: „Ein großartiger Spieler hat einfach den Verein gewechselt – so ist das Leben.“

Für Hertha beginnt dennoch ein neuer Lebensabschnitt. Einige Fans befürchteten, dass die Berliner ohne Marcelinho künftig uninspirierter auftreten würden. Doch das bestätigte sich gegen den Hamburger SV nicht. Hertha lieferte eine engagierte, vom Siegeswillen beseelte Vorstellung, die selbst dem gegnerischen Trainer Respekt abnötigte. Thomas Doll sagte: „Hertha war dominanter.“ Und er gestand auch: „Wir haben Glück gehabt, dass wir nicht bestraft worden sind für unsere leichtfertigen Ballverluste.“

Allein Marko Pantelic hätte Hertha zweimal in Führung bringen müssen, doch dem Torjäger scheint im Stadium der intensiven Saisonvorbereitung ein bisschen die Kraft und damit die Konzentration zu fehlen. Zudem scheiterte Ellery Cairo einmal in aussichtsreicher Position an HSV-Torwart Sascha Kirschstein, der sich ihm wagemutig entgegen geworfen hatte. „Nur eines hat uns gefehlt, der Führungstreffer“, klagte Herthas Trainer Falko Götz.

Dass den Berlinern bei ihrem siebenten Auftritt im Ligapokal seit 1999 nur die Antrittsprämie von 340 000 Euro blieb und gleichzeitig eine nicht unwesentliche Möglichkeit, noch mehr Geld zu verdienen, vorzeitig endete, war auch einer starken Viertelstunde des HSV geschuldet. Die Mannschaft steigerte unmittelbar nach dem Wechsel ganz plötzlich das Tempo. Rafael van der Vaart setzte innerhalb von nur acht Minuten erst einen Freistoß gegen den Pfosten, dann traf er mit einem wuchtigen Schuss die Querlatte. Es gab zwischen beiden Aktionen noch einen feinen, nicht unbedeutenden Unterschied. Beim ersten Abpraller kam Vincent Kompany, der 7,5 Millionen Euro teure Neuzugang vom RSC Anderlecht, herbeigeeilt, um den Ball zum 1:0 über die Linie zu drücken. Kompany, der sonst im Abwehrzentrum der Hamburger spielte, hatte seine überragende Leistung mit dem spielentscheidenden Treffer gekrönt.

Der HSV trifft nun am Dienstag im Ligapokal-Halbfinale in Bremen auf den SV Werder. „Ich freue mich über jeden ernsthaften Test“, sagt der Hamburger Trainer Thomas Doll. Hertha hat für das Wochenende vorausschauend ein Testspiel beim FC Erzgebirge Aue angesetzt. Und Marcelinho wird bis dahin vielleicht gar kein Thema bei Hertha mehr sein. Die Spieler wollen lieber Bilanz ziehen, wenn die Zeit dafür reif ist. Abwehrspieler Andreas Schmidt sagte: „Warten wir doch mal das Saisonende ab. Erst dann wird man doch richtig beurteilen können, was der Verlust wirklich bedeutet.“

Mit einem Novum bereicherte in Düsseldorf übrigens Schiedsrichter Pieter Vink das Spiel. Er pfiff bereits nach 25 Minuten zur Überraschung der Zuschauer ab. Alle Spieler eilten an den Spielfeldrand – zu den Wasserflaschen. „Eine Wasserpause“, klärte der Stadionsprecher das verwunderte Publikum auf. Die Zuschauer reagierten: Sie pfiffen so laut, dass sich der Veranstalter genötigt sah, die eineinhalbminütige Unterbrechung mit lauter Musikbeschallung zu überbrücken. Mancher Zuschauer vertrat offenbar die Ansicht, dass das Tempo des Spiels bis zu diesem Zeitpunkt die Akteure gar nicht hätte durstig machen dürfen – trotz der drückenden Schwüle in Düsseldorf. „Das war mit Trainern, Spielern und Schiedsrichtern vorher abgesprochen“, sagte Tom Bender von der Deutschen Fußball-Liga über die ungewöhnliche Auszeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben