Sport : Bessere Blutwerte

Nach dem Einzug ins Pokalfinale kann der VfB Stuttgart wieder hoffnungsfroh in die Zukunft blicken – nur Trainer Labbadia meckert.

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Air Bruno. VfB-Trainer Labbadia kam ungewohnt gut in Stimmung. Foto: dpa
Air Bruno. VfB-Trainer Labbadia kam ungewohnt gut in Stimmung. Foto: dpaFoto: dpa

Stuttgart - Restaurants, Kneipen und Imbissbuden verzeichneten in dieser Nacht hohe Umsätze. In Stuttgart schien jeder von einer Erleichterung ergriffen, die weit über die Freude eines Fußballklubs hinaus geht, der das deutsche Pokalfinale erreicht. Man konnte den Eindruck gewinnen, ein Patient mit düsterer Prognose habe soeben die Nachricht erhalten, seine Blutwerte verbesserten sich plötzlich wie durch ein Wunder. Ein Wunder war der 2:1-Sieg im Halbfinale gegen den SC Freiburg keines, alles andere aber empfanden die Fußballfreunde im Südwesten als solches. Etwa die mit dem Finaleinzug verbundene Qualifikation für die Europa League und Mehreinnahmen von rund 1,5 Millionen Euro. Beides eröffnet dem Club neue Perspektiven, ebenso der Rückzug des umstrittenen Präsidenten Gerd Mäuser, der zum 3. Juni, zwei Tage nach dem Pokalfinale, sein Amt abgibt.

Spieler, Anhänger, Trainer und Manager konnte nach den ausgelassen Freudentänzen nicht einmal die Aussicht schrecken, als nächstes Opfer des FC Bayern München gehandelt zu werden, der seine nationalen Gegner in schauriger Regelmäßigkeit mit erniedrigenden Resultaten abfertigt. „Da kann einem schon Angst und Bange werden, wie die derzeit spielen“, sagte Manager Fredi Bobic mit einem breiten Grinsen: „Aber wir genießen und freuen uns auf das Finale.“

Spät in der Nacht zog ein Zug, bestehend aus ausgelassen jauchzenden Profis, zur Sieger-Party in ein italienisches Restaurant. „Dass wir gegen die Bayern spielen, das ist mir völlig wurscht, ich bin einfach nur glücklich“, behauptete Martin Harnik und beförderte die „schwierige Saison“ mit dem Halbfinalsieg im Rücken zu „einer guten“. Dazu passte auch der Spruch auf den Endspiel-T-Shirts, in Abwandlung einer bekannten Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg: „Wir können alles. Auch Berlin.“

Doch wie tief sich der Frust der vergangenen Monate über die kompromisslose Sparpolitik des Vorstandes in Bruno Labbadia eingegraben hatte, zeigte eine neue Wutrede, die der Trainer hielt, als sich alle anderen freudetrunken in den Armen lagen. Bobic und er könnten „nichts für die Probleme, die da sind, wir baden sie nur aus“. Dass „wir seit zweieinhalb Jahren reparieren, sieht keiner; dass wir schon letzte Saison trotzdem die Europa League erreicht haben“ werde nur als „Dreck“ gesehen. „Seit Monaten wird hier über alles geredet, nur nicht über Fußball“, polterte der Stuttgarter Trainer. „Das muss aufhören. Ich reagiere allergisch, wenn meine Mannschaft angegriffen wird.“ Aber auch seine eigene Arbeit sieht Labbadia nicht ausreichend gewürdigt sieht. Er habe „alles von der Mannschaft fern gehalten“ und ihr Moral vermittelt, sagte er. Nicht nur gegen sportliche Konkurrenten habe man kämpfen müssen, sondern vor allem gegen die im eigenen Lager.

Das seltsame Timing Labbadias hat etwas mit dem Führungschaos beim VfB zu tun und dem Versuch, mehr Einfluss zu gewinnen. Damit scheinen der vor kurzem in den Vorstand berufene Bobic und Labbadia auf einem guten Weg. Der Manager kündigte als Folge des Pokalerfolges Überraschungen an, womit er mehr neue (und teurere) Spieler meinen kann. „Wir müssen in der kommenden Saison einiges anders machen“, mahnte Labbadia, der seine Mannschaft auf seine Weise für ihren Sieg belohnte: Er verlegte das Training am Tag danach um eine Stunde nach hinten.

Während der VfB seine letzte Chance auf einen internationalen Wettbewerb nutzte, bleibt den Freiburgern immerhin noch die Qualifikation über die Bundesliga. „Es ist bitter, dass wir die einmalige Chance heute vergeben haben", sagte Stürmer Jan Rosenthal. Freiburgs Trainer Christian Streich sprach von einer „hoch verdienten Niederlage“ seiner chancenlosen Mannschaft. Sein Fazit fiel eine ganze Spur zu hart aus. Es war oft reichlich knapp auf dem Rasen, sonst wäre man in Stuttgart auch kaum so erleichtert gewesen. Oliver Trust

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